"Wenn ihr gegessen und getrunken habt, seid ihr wie neu geboren; seid stärker, mutiger, geschickter zu eurem Geschäft." Das ist eines der weniger bekannten Zitate aus Goethes "Götz von Berlichingen". Es passt ganz gut zu Sarah Wieners neuem Kochbuch "Gerichte, die die Welt veränderten" (Edition A). In dem erzählt sie Anekdoten aus der Weltgeschichte und stellt dazu Rezepte zu den Speisen, die zum Anlass gegessen wurden. Also nicht nur Speisen. Mindestens zweimal in diesem Buch hat Alkohol Geschichte gemacht. Einmal, wer kennt die Legenden aus dem Weinkeller nicht, beim österreichischen Staatsvertrag. Einmal beim Treffen von Stalin, Churchill und Roosevelt 1943 bei der sogenannten Teheran-Konferenz. Dokumente sprechen hier von "einer nicht mehr zu erfassenden Zahl von leeren Flaschen".

Macht und Verschwendung

Ob das auch heute noch so läuft? Sarah Wiener sieht das abgeklärt: "Das ist natürlich unserer Kultur geschuldet, dass Alkohol bei Festivitäten und wichtigen Ereignissen eine wichtige Rolle spielt. Ja, früher war saufen und rauchen gang und gäbe. Aber früher durfte man auch noch selbstgebackenen Kuchen in den Kindergarten mitbringen, heute soll man seinen Kindern den Industriemist vom Discounter servieren. Ich glaube, dass die Entwicklung, alles normieren und reglementieren zu wollen, in Hygienestandards pressen zu wollen, dem menschlichen Wesen nicht unbedingt guttut."

Das sind Überlegungen, die ein Gastgeber in einer zentralen Geschichte in Wieners Buch so gar nicht angestellt hat. Als nämlich Shah Reza Pahlavi zum 2500-Jahr-Jubiläum Persiens lud, war so etwas wie Nachhaltigkeit nicht nur ein Fremdwort, sondern fast ein Schimpfwort. Beim "opulentesten Essen der Weltgeschichte" standen nicht nur 25.000 Flaschen Wein und Champagner bereit, sondern auch 18 Tonnen Lebensmittel. Gut, das braucht man schon, wenn man davon ausgeht, dass allein Tito damals einen Truthahn allein verspeist hat. Trotzdem landete ein Großteil des Essens am Ende im Müll. Die Nonchalance der Verschwendung, diese Machtdemonstration hat Wiener fasziniert: "Das ist so grenzenlose Arroganz, das kann man sich gar nicht erträumen, was der Schah gemacht hat. Die haben 30.000 Singvögel importiert, die innerhalb von drei Tagen tot waren, weil keiner an Klima oder Nahrung gedacht hat!"

Dass Verschwendung noch heute und vor allem in Restaurants nach wie vor ein Thema ist, ist Wiener bewusst: "Wir bekommen riesige Portionen und lassen dann etwas stehen, das schmeißen die in der Küche natürlich weg. Das ist eigentlich noch schlimmer, als Lebensmittel gleich wegzuschmeißen, weil in den verarbeiteten Lebensmitteln stecken ja noch die Ressourcen, die Energie, die Liebe des Kochs. Aber wir leben auch nicht nur, um böse Sachen zu vermeiden, wir müssen aufpassen, dass wir nicht in eine Welt kommen, in der alles verboten ist. Weil das Klimafreundlichste wäre, dass wir uns alle die Kugel geben."

Affront zu Tisch

Aber wie viel kann denn nun das Essen zu Krieg und Frieden beitragen? "Die kleine Sarah stellt sich vor, es gibt Heerscharen von Diplomaten, die sachgemäß und und ohne Emotionen Weltgeschehen verhandeln. Seit Trump wissen wir, das ist nicht so, das war nie so. Politik war immer von Sympathie und Antipathie beeinflusst, vom Teilen von bestimmten Vorlieben. Und natürlich kann man mit einem bestimmten Essen auch jemanden in einen Affront jagen. Wenn ich dem Mufti von Medina einen Prager Schinken, am besten noch mit Portweinsößchen, serviere, dann hat das schon eine eindeutige Aussage. Aber andererseits gab es beim ersten Fastenbrechen eines US-Präsidenten, Thomas Jefferson, mit einem Muslim 1805 auch Schinken - das war aber ein Zeichen für Gemeinsamkeit und Religionsfreiheit."

Auch das Festessen zur Krönung von Queen Elizabeth II. ist im Buch zu finden. Was würde Sarah Wiener der 92-jährigen Monarchin selbst kredenzen? "Ich weiß gar nicht, kann die noch gut kauen in ihrem Alter? Auf solche Sachen würde ich achten. Etwas leicht Verdauliches, wenig Fleisch, sie muss ja sehr diszipliniert sein. Vielleicht würde ich auch ihren Kammerdiener fragen, ob er ein Rezept kennt, mit dem sie nicht rechnet, das aber zum Beispiel eine Kindheitserinnerung ist. Ich würde etwas Persönliches kochen, das nur sie versteht."