Lise Meitner, 1878-1968. - © corbis via gettyimages
Lise Meitner, 1878-1968. - © corbis via gettyimages

Wien. Mit einer Biografie über ihre Person hätte Lise Meitner wohl eher wenig Freude gehabt. Die Entdeckerin der Kernspaltung galt zeit ihres Lebens als bescheiden und äußerst zurückhaltend. "Als 84-Jährige ließ sie keine Zweifel offen, wie sehr ihr öffentliche Aufmerksamkeit widerstrebte: "Ich möchte keine Biografie über mich haben!", soll Österreichs berühmteste Physikerin gesagt haben.

Die beiden Wissenschaftsjournalisten des "Standard", Tanja Traxler und David Rennert, "konnten ihrem Wunsch nicht entsprechen", leiten sie ihre Lebensbeschreibung Lise Meitners, deren Todestag sich am 27. Oktober zum 50. Mal jährt, ein: "Zu wichtig ist das wissenschaftliche Werk dieser Frau, zu interessant war ihr Leben, als dass es nicht verdiente, erinnert zu werden." Das Autorenteam stöberte in Büchern, Tagebucheinträgen und der umfangreichen Korrespondenz der Physikerin, die sich "wie das Who is Who der Physik des 20 Jahrhunderts" lese, berichtet Traxler.

Pionierin des Atomzeitalters

"Lise Meitner - Pionierin des Atomzeitalters" erzählt die faszinierende Lebensgeschichte einer Wissenschafterin von Weltrang. Elise Meitner wurde 1878 in Wien-Leopoldstadt in eine liberal-jüdische Familie geboren. Ihr Vater Philipp war ein progressiver Freigeist, die dunkelhaarige Lise das zierlichste aller fünf Kinder. Sie lernte schon früh Lesen und Schreiben, Latein, Hebräisch, Französisch und Englisch. Obwohl ihr "Entlassungszeugnis" der Bürgerschule lauter "Sehr gut" enthielt, durfte sie als Mädchen kein Gymnasium besuchen. Lise musste ein Examen als Französischlehrerin machen. 1901 trat sie jedoch als eine von 14 Schülerinnen zur Externistenprüfung zur Matura an. 1906 promovierte Meitner als zweite Physikerin an der Universität Wien. In Ludwig Boltzmann fand sie einen Lehrer, der ihren beruflichen Weg prägte.

Es war eine Zeit großer Fortschritte: Wilhelm Conrad Röntgen hatte kürzlich seine bahnbrechende Entdeckung gemacht, Marie Sklodowska, verheiratete Curie, begann, die Radioaktivität zu erforschen. Und Boltzmann stellte das Axiom in Frage, dass Atome unteilbar seien, während Meitner schon im Jahr ihrer Promotion zu dem neuen Gebiet publizierte.

1907 ging sie zu Max Planck nach Berlin, wo sie "die glücklichsten und produktivsten Jahre ihres Lebens verbringt", heißt es in der Biografie. Sie fand einen Kreis hochbegabter junger Forscher, darunter James Franck, Otto Hahn und Gustav Hertz. Meitner begann, mit dem Chemiker Hahn zusammenzuarbeiten - 21 Jahre später sollten diese Experimente zur ersten gelungenen Kernspaltung führen. Zunächst musste Meitner aber als Frau den Hintereingang des Instituts benutzen. Da es keine Damentoilette gab, musste sie ins nächstgelegene Gasthaus laufen.

Planck ernannte sie 1912 zu seiner Assistentin. Inzwischen hatte die Physikerin wesentlich zur Aufklärung der Frage des Beta-Zerfalls und der Gamma-Strahlen beigetragen. Doch den Nationalsozialisten war wissenschaftliches Renommee egal. Nach dem "Anschluss" Österreichs war sie als österreichische Staatsbürgerin, die sie zeitlebens blieb, plötzlich "reichsdeutsche Jüdin". Meitner floh am 13. Juli 1938 illegal in die Niederlande.

Sie begann, am Nobel-Institut in Stockholm zu arbeiten, war aber mit den Bedingungen unzufrieden. Hahn und Fritz Straßmann führten ihre Arbeiten in Berlin fort und berichteten brieflich. Ein Winterspaziergang am 24. Dezember 1938 mit ihrem Neffen Otto Robert Frisch sollte den Lauf der Welt verändern. Frisch berichtete seiner Tante von einem Experiment, für dessen Interpretation Hahn Meitner um Hilfe gebeten hatte. Entgegen aller Annahmen schien ein "Zerplatzen" des Atomkerns möglich, was enorme Energiemengen freisetzt. Hahn und Straßmann veröffentlichten am 6. Jänner 1939 die "Kernspaltung".

Hahn erhielt 1945 für die Entdeckung den Chemie-Nobelpreis. Meitner, Straßmann und Frisch wurden nicht berücksichtigt. Rennert und Traxler nennen "interne Querelen" der schwedischen Akademie und die Tatsache, dass Meitner eine Frau war, als Gründe. Auch dass sie nie eine militärische Nutzung im Sinne hatte, sondern stets den Geheimnissen der Natur näherkommen wollte, ist dem mit edler Feder geschriebenen Buch zu erfahren: Meitner sei eine Physikerin gewesen, "die nie ihre Menschlichkeit verlor".