Lars Jaeger: "Die zweite Quantenrevolution - Vom Spuk im Mikrokosmos zu neuen Supertechnologien"; Verlag Springer; 561 Seiten; 23,53 Euro
Lars Jaeger: "Die zweite Quantenrevolution - Vom Spuk im Mikrokosmos zu neuen Supertechnologien"; Verlag Springer; 561 Seiten; 23,53 Euro

Wenn die Forschung einen Quantensprung macht, ist das ein riesiger Schritt vorwärts - oder doch nur die Winzigkeit von 45 Attosekunden (0,000000000000000045 Sekunden). Das zeigt schon, wie komplex die Materie ist. Oder um es mit Lars Jaeger auszudrücken: "Die Quantenphysik erscheint völlig verrückt. Wir begreifen zwar nicht, was genau und warum etwas passiert, können es aber exakt berechnen."

In seinem neuen Buch "Die zweite Quantenrevolution" nimmt der Physiker seine unbedarften Leser mit in eine Welt, die auch nach mehr als 100 Jahren voller Rätsel ist. Kaum lässt sich ein Phänomen erklären, taucht schon das nächste auf. Begonnen hat es Anfang des 20. Jahrhunderts, als Physiker entdeckten, dass die Gesetze der klassischen Physik nicht immer und überall gelten. Die Quantenphysik war geboren - und verlor noch in der Wiege ihre Unschuld: Denn ihre erste technische Anwendung war die Atombombe. Wie es seither weitergegangen ist, fasst Jaeger sehr verständlich zusammen.

Auch ohne Bilder gut erklärt

Sein Buch ist so angelegt, dass er für den Leser sozusagen erst einmal die physikalischen Theorien entwickelt, bevor er sich deren praktischen Anwendungen widmet. Der Autor bemüht sich um einen umfassenden Blick und erläutert auch sehr logisch, warum er selbst eine Deutungsversion bevorzugt. Anschauliche Textboxen fassen dabei die jeweils wichtigsten Punkte in den Kapiteln zusammen. Sie alleine zu lesen, genügt dennoch nicht. Man muss sich schon alle 540 Seiten Fließtext (exklusive Literatur- und Personenverzeichnis) geben.

Verstanden hat man das Thema danach wahrscheinlich immer noch nicht ganz, dazu ist es einfach zu schwierig. Beim nächsten Physikertreffen wird man also nach der Lektüre nicht mit dem erworbenen Wissen glänzen können, weil Jaeger trotz allem eigentlich nur an der Oberfläche kratzt - eben weil sein Zielpublikum wissenschaftliche Laien sind. Für diese bringt er aber den einen oder anderen Punkt (wie Erwin Schrödingers Katze, die moderne Feldtheorien, Teilchenphysik oder seine Ablehnung des Welle-Teilchen-Dualismus) gut auf den Boden. Er geht auch bei mathematischen Begrifflichkeiten mehr in die Tiefe, als man es in ähnlichen Büchern gewöhnt ist.Gerade die moderne Theoretische Physik ist ja sehr von der Mathematik geprägt. Hier räumt er mit dem recht verklärten Bild auf, das wohl viele davon haben. Und auch die philosophische Seite, die gerade für die Entwicklung der Theorien sehr essenziell war, kommt nicht zu kurz.

Erst Theorie, dann Praxis

All das gelingt ihm ohne Abbildungen, Grafiken oder eingebettete Gleichungen. Und selbst wenn man als Leser öfter einmal ein Kapitel überspringt, behält man trotzdem den Überblick. Jaeger hat sein Buch übrigens geschickt aufgebaut: Erst, wenn man im vorderen Teil das notwendige theoretische Wissen erworben hat und der Kopf raucht, kommt weiter hinten die Praxis. Und die ist schon jetzt beeindruckend. Denn ohne Berücksichtigung quantenphysikalischer Prozesse könnte man heutige Chips für Computer, Handys und andere elektronische Geräte gar nicht herstellen. Bloß kamen viele bahnbrechende Erkenntnisse einfach zu früh und wurden zu ihrer Zeit nicht entsprechend gewürdigt. So sind die Visionen Richard Feynmans aus dem Jahr 1959 heute Teil unseres technologischen Alltags.

Jaeger gibt auch einen ausführlichen Ausblick darauf, was noch so alles kommen dürfte (Stichwort: Nanobots). Und da sind die Quantencomputer mit Rechengeschwindigkeiten jenseits unserer Vorstellungskraft nur der Anfang. Ob wir uns nun darauf freuen dürfen oder eher Angst haben sollten, muss jeder für sich klären. Für die Ingenieure gilt jedenfalls: Sie müssen die Quantenphysik nicht verstehen - sie müssen sie nur anwenden können.