Als Leonard Bernstein im Zuge seiner Harvard-Vorlesungen auf Karl Kraus zu sprechen kam, erntete er von den amerikanischen Studenten Blicke der Ahnungslosigkeit. Wäre es in Österreich heute anders?Gewiss: Karl Kraus ist dem Namen nach ein Begriff. Aber selbst viele von denen, die sich auf seine Suche nach sprachgezeugter Wahrhaftigkeit berufen, haben kaum etwas bis gar nichts von ihm gelesen. Die Ausstellung "Geist versus Zeitgeist" beleuchtet nun in einer glänzend zusammengestellten Schau die Rolle von Karl Kraus in der Ersten Republik und versucht, mit Schriftstücken, Prozesszeugnissen, Plakaten und Fotografien den Dichter, Satiriker und Vortragskünstler ins Gedächtnis zurückzuholen.

Leicht macht es einem Kraus ja wirklich nicht: Die Versuche, das Überdrama "Die letzten Tage der Menschheit" auf die Bühne zu bringen, scheitern regelmäßig am Werk: Kraus hatte sein ausuferndes Antikriegspanorama einem Marstheater zugedacht, aber selbst auf dem Jupiter wäre das Szenenkonvolut kaum aufführbar. Seine Gedichte opfern der ausgeklügelten Sprache die Unmittelbarkeit, und seine Satire ist so zeitbezogen wie jede Satire - und damit nur noch mit einem kritischen Apparat verständlich, der die Zusammenhänge erklärt.

Der präzise Zeit-Diagnostiker

Kraus kann als Paradebeispiel dafür herhalten, dass die Konzentration auf ausgeklügelte Wortwahl und grammatikalische Spitzfindigkeiten nicht automatisch zu zitierbaren Sätzen führt. Bertolt Brecht, der Kraus las, verstand es glänzend, dem Volk aufs Maul zu schauen. Kraus schaute dem Volk auf Punkt und Beistrich.

Kraus’ schlagkräftigster Satz ist ausgerechnet der, den er anders meinte: "Zu Hitler fällt mir nichts ein." Denn im folgenden Essay, der "Dritten Walpurgisnacht", fällt Kraus zu Hitler sehr viel ein. In der Ausstellung gibt es Hörproben davon, fabelhaft gelesen von Karl Markovics. Das Buch erschien 1933, Kraus starb 1936. Es mutet an, als habe er es von einem weit späteren Kenntnisstand geschrieben.

Eines nämlich war Kraus - und das arbeitet Katharina Prager als Kuratorin der Schau heraus: Ein Zeit-Diagnostiker, der nicht nur den Ist-Zustand analysierte, sondern die Folgen daraus ableitete. So war Kraus ein Gegner des Nationalsozialismus nicht allein aus ideologischen Gründen wie viele Linke: Er ortete die Bedrohung wesentlich umfassender.

Dass auf den Vorsatzseiten des rühmenswerten Katalogs alle Ausgaben der "Fackel" abgebildet sind, hat einen guten Grund: Diese Zeitschrift war Kraus’ ureigene Stimme, in ihr prangerte er Missstände an, sie nützte er, um in der fehlerhaften Sprache seiner Feindbilder deren fehlerhaftes Denken zu karikieren. Hier kritisierte er hetzerischen Journalismus und Doppelmoral. Durch die "Fackel" gelang es ihm, eine Gemeinde um sich zu scharen - ob seine Wirkung tatsächlich auf diese und ihre Peripherie beschränkt blieb, ist bis heute ein Thema von Germanisten-Diskussionen.

Faktum ist, dass Kraus sich von großen Teilen seines Kreises entfremdete, als er für den diktatorisch regierenden österreichischen Bundeskanzler Engelbert Dollfuß eintrat - weniger aus politischer Überzeugung, als in der Hoffnung, Dollfuß könne Österreich vor Hitler bewahren. Vielleicht wäre das in der Ausstellung und im Katalog eine breitere Ausführung wert gewesen. Dafür zeigen Zeugnisse von Prozessen Kraus als streitbaren und unbeugsamen Zeitgenossen. Prager arbeitet auch daran, in den nächsten Jahren die Kraus-Prozessakten online zugänglich zu machen.

Vor allem gelingt es der Schau, die hohe Moral von Kraus dermaßen im Bewusstsein zu verankern, dass man, wieder auf der Gasse angekommen, an einem Pärchen im Rathauspark vorbeigeht, das sich eben einen Joint anraucht, sich unwillkürlich fragt, ob Kraus wegen seines Eintretens für selbstbestimmte Entscheidungen für die Marihuana-Freigabe gewesen wäre oder, wegen der Vernebelung des klaren Denkens, dagegen.