"Ein Gesicht entspricht einem Körper; das mag selbstverständlich sein, ja, aber ich schwöre Ihnen, dass auf diesem Foto die Vorstellung dessen, was Menschsein bedeutet, unklar ist, und die Idee eines Kopfes pro Körper ist es ebenso."

Ein Foto von den Toten im Konzertsaal Bataclan nach den Anschlägen vom 13. November 2015 in Paris, auf dem "manche Leichen einen Fleischhaufen bilden", geht der 25 Jahre jungen Pariserin Ava nicht aus dem Kopf. Sie kennt den Club gut, Opfer und Täter waren Menschen ihrer Generation - wahrscheinlich hat das Ereignis deshalb solche Ängste und zugleich neuen Hunger nach Leben in ihr ausgelöst. Vorher reagierte sie kaum mehr auf die Informations- und Bilder-Flut samt Meldungen von Krieg und Massenmorden weltweit, die digitale Medien täglich in ihr Gehirn spülten.

Die junge Französin Frederika Amalia Finkelstein ist in ihrem Roman "Überleben" ganz nah bei ihrer monologisierenden Protagonistin Ava, einer einsamen, melancholischen und erschöpft wirkenden Erzählerin, die sich wie betäubt durch ein Paris im Ausnahmezustand bewegt. Sie ist ganz Kind ihrer Zeit, arbeitet im Lager des Apple-Store auf den Champs-Élysées.

Nach dem Attentat sieht Ava überall Gewalt und Finkelstein findet eine überzeugend eigenwillige, zunehmend hypnotische Sprache für drastische Bilder. Ava heftet sich Fotos von Opfern und Terroristen an die Wand, denkt über Fluch und Segen der sozialen Netzwerke im Hinblick auf die Beschäftigung mit Gewaltexzessen nach und über Bücher mit "Licht und Wut", die niederschmettern, den Schmerz umarmen und zerstören - wie das Buch, in dem sie selbst Hauptdarstellerin ist.

Früher hat sie Stunden mit Ballerspielen verbracht, jetzt beäugt sie jede verdächtig wirkende Person in der Metro, reagiert besonders sensibel auf den Lärm ihrer Stadt - und die Geschichte ihrer Großmutter, die anderen Formen von Gewalt ausgesetzt war, ist plötzlich wieder präsent. Ihre Oma verstarb kürzlich, die Beerdigung in Argentinien steht bevor.

Finkelstein hat den Toten des Terrors ein Denkmal gesetzt. Wie weiterleben nach der Katastrophe? Ein universelles Thema, das die Autorin mit viel Fein- und Sprachgefühl, Sinn für Stimmungen und Struktur umsetzt. Sie vermittelt das Lebensgefühl einer Mittzwanzigerin, die zwischen Vergangenheit und Zukunft, zwischen Frieden und Terror, Angst um sich und ihre Lieben, Widerstandskraft und manchmal diffusen Hoffnungen ihren Platz sucht. Damit kann man sich leicht identifizieren, ob man nun in Paris, Madrid, Berlin oder in Wien lebt.