Konrad Weyde ist ein gestrenger Vater - und Vogelkundler aus Passion. Sagenumwobene Greifvögel locken ihn in ein unheimliches, ex-koloniales Afrika mit martialischer Ethnie. Das Jagdfieber des Präparators ist entfacht, als er des mythischen Riesenvogels ansichtig wird. Das gibt Probleme, wird der Greif doch in barbarischen Kulten als Gott verehrt. Das Projekt des Vogelkundlers, "trügerische Mythen" durch Wissen zu entzaubern, scheitert.

Weydes Reisemanuskript bildet den Prolog zu Susanne Röckels atemberaubenden Roman "Der Vogelgott". Als läge durch Weydes (erfolgreiche) Trophäenjagd ein Fluch über der Familie, geraten seine Sprosse allesamt in den Bann jener "Religion", die auch als Sekte agiert und weltweit ihre Köder nach Zivilisationsmüden auslegt. Die Gurus - kultiviert im Auftreten, aber mit einem Hauch Fäulnis im Abgang - holen ihre Opfer bei deren "Berufung" ab:

Thedor, der Studienabbrecher in Medizin, ist für einen vorgeblich humanitären Einsatz in besagter Ex-Kolonie zu haben; sein Bruder Lorenz gerät als Journalist ins Kielwasser der Seelenfänger - und Schwester Dora im Zuge kunstgeschichtlicher Studien. Dabei begegnet das Trio der Bestie Mensch: in Form historischer Apokalypsen, barbarischer Riten und medizinischer Drogenexperimente. Ein Malstrom des Grauens, der die Weydes verschlingt.

Virtuos spielt Susanne Röckel mit dem Repertoire der Schauerliteratur - und unterminiert es zugleich subtil. Die verzahnten Geschichten der Geschwister legen, bei aller Phantastik, die Diabolik antiaufklärerischer Manipulation frei. Ein kunstvoller, mythensatter Psychothriller von schauriger Aktualität.