Als Christine, die weibliche Hauptfigur des Romans, im Jahre 2011 die autobiografischen Aufzeichnungen über die Agententätigkeit ihres mittlerweile 86-jährigen Vaters findet, liegt dieser nach einem Sturz schwer verletzt im Krankenhaus - und bald im Sterben. Wels schildert auf einer zweiten Erzählebene die behutsame Annäherung Christines an ihren Vater in dessen letzten Lebenstagen, aber auch die Biografie eines zutiefst (sozial)demokratisch verwurzelten Mannes, der nach Krieg und Studium eine Laufbahn als "linker" Wirtschaftswissenschafter eingeschlagen hat und aus dessen Biografie die "Roten Falken", der "Karl-Marx-Hof" und der "Konsum" nicht wegzudenken sind.

Er ist Redakteur bei der von Arbeiterkammer und Gewerkschaft editierten Zeitschrift "Arbeit und Wirtschaft", bei der "Wiener Städtischen" versichert und hat seiner Frau und seiner Tochter nach der Scheidung zu einer Wohnung im "Matzleinsdorfer Hochhaus", einem Prestigeprojekt des sozialen Wiener Wohnbaus, verholfen. Und bei Christine, die eine kleine Buchhandlung führt, ist selbstverständlich der bekannte Verfassungsrechtler Dr. (Heinz) Mayer Kunde. In diesen Passagen spürt man das Herz des ehemaligen "AZ"-Feuilletonchefs Günter Kaindlstorfer heftig schlagen.

Die Auflösung einer bereits im Prolog geschilderten Exekution fördert nicht nur die dunkle Seite des Carl Maurer, dessen Tod und Begräbnis Wels bedeutungsschwanger mit Hitlers Geburts- und Todestag in Verbindung setzt, zutage. Sie provoziert zwischen Christine und ihres Vaters Kameraden Kurt, der Krieg und Gestapo-Haft schwer gezeichnet überlebt hat, auch einen Konflikt über moralisches Handeln.

Vorsichtig optimistisch

Die nachfolgende Generation, in der Gestalt von Christines Sohn Timo skizziert, ist drauf und dran, das pazifistische Erbe ihrer Großväter wieder zu verspielen. Zwischen "YouTube"-Videos neu erstarkter Rechtsradikaler und martialischen Aufmärschen läuft sie Gefahr, die "Alltagssprache der Freiheit", wie Jean Amery (während eines Sommerurlaubs in Bad Goisern zu einem Freund Maurers geworden) schreibt, zu verlieren.

Diesbezüglich findet der Roman, in dem sich Wels in vielschichtiger Weise der Themen Idealismus und Verführung, Gesinnung und Moral, Treue und Verrat annimmt, zwar zu keinem Happy-End, aber doch zu einem vorsichtig optimistischen Ausblick.