Ein merkwürdiges Buch: "Der Dorfgescheite" von Marjana Gaponenko. Nicht geschrieben mit dem Rücken zur Welt, wie beispielsweise Philipp Weiss’ tausend Seiten umfassender Monster-Roman ("Am Weltenrand sitzen die Menschen und lachen"; Präsentation bei der BUCH WIEN am 8. 11., 16.15 Uhr, Der-Standard-Bühne, Messe Wien; Anm.).

Sondern so, als gäbe es die Gegenwart im Grunde gar nicht. Als spränge man weit mehr als 120 Jahre zurück. Ist Gaponenkos Roman also ein Buch, das in die "Retroland"-Kategorie des in Wien geborenen und an der Universität Luzern lehrenden Historikers Valentin Groebner passt? Ist es ein Rückreise-Buch in Zeiten, als das Erzählen noch ungetrübt war, frei von Brüchen, von grammatikalischen Experimenten, mutwillig in Brüche abbiegenden Exkursen und verbalen Abgründeleien?

Wildwuchernd

"Das einzig wahre Ausland ist die Vergangenheit", schrieb Hans Magnus Enzensberger einmal. An die Vergangenheit knüpft die 1981 in Odessa geborene, heute in Wien und Mainz lebende Marjana Gaponenko an, die Germanistik studierte, seit ihrem 16. Lebensjahr auf Deutsch schreibt und nach "Wer ist Martha?" (2012) und "Das letzte Rennen" (2016) nun ihren dritten Roman vorlegt. Es ist eine Anknüpfung an das behagliche, dabei ironische, psychologische Erzählen vor der Hochmoderne.

Schon ihr Vorgängerroman, in dem Kutschen und Kutschwettfahrten eine nicht eben kleine Rolle spielten, wurde als wildwuchernd, abseitig, wie aus der Zeit gefallen und von kühner, dabei nie abnormer Exzentrizität beschrieben. Was nicht durchgehend positiv gemeint war.

In "Der Dorfgescheite" erfüllt Ernest Herz diese Rolle. Er tritt seine neue Stelle als Bibliothekar im Stift W. an. Sein Vorgänger, ein Geistlicher, endete grausig durch eigene Hand: Erst setzte er sich in Brand, dann sprang er aus einem Fenster im dritten Stock.

Herz, seit einem Kindheitsunfall einäugig, will ein neues, ruhiges, asketisches, eher meditatives Kapitel in seinem Leben aufschlagen. Bisher war er erotisch ruhelos und sexuell sehr aktiv gewesen. Sorgfältiger Katalogisierer, der er qua Profession ist, hat er alle Damen mit einem speziellen Einstufungsprogramm in einem Karteikastenverzeichnis aufgelistet.

Doch die ersehnte Beschaulichkeit stellt sich nicht ein. Dafür sorgen u.a. der recht mysteriöse Tod seines Vorgängers im Amte; ein homosexueller Portier, den es in den Vatikan zieht; rätselhafte Vorgesetzte, die Machtspielchen spielen; akademische, eher überforderte Hilfskräfte, die Herz bei der brachliegenden Katalogisierung und Digitalisierung von Handschriften und Wiegendrucken zur Hand zu gehen haben.

Schaurig

Anspannung garantieren ferner Geheimgänge und -säle; der Fund eines ausnehmend wertvollen illuminierten Manuskripts, des mittelalterlichen "Dialogus miraculorum", das mit Bestimmtheit nicht dem Bestand der Stiftsbi- bliothek entstammen kann; dazu der Herz immer aufregendere Umstand, dass er auf dem Klostergelände nur einen, und zwar einen hochkatholischen Radiosender empfangen kann, der sich auch noch in die Telefonleitung einschleicht; eine übermächtige erotische Verlockung in Gestalt des autistischen, analphabetischen Hermaphroditen und Kellners im ausschließlich Liköre ausschenkenden Dorfgasthaus; psychischer Abstieg - und am Ende ein Totschlag im Affekt.

Dieses Gemisch aus Bibliotheksroman, Psychogramm der emotional zerrütteten Hauptfigur und dem Gruselkabinett an abseitigem Personal muss Gaponenko beim Schreiben Freude bereitet haben. Dass hinter Stift W. das Stift Klosterneuburg zu erkennen ist, dafür bedarf es nicht extra des ausgesprochenen Lokaldankes in der Schlussnote.

Es gibt durchaus reichliche, durchaus komische, mit leichter Hand entworfene Szenen, ironische Verweise und parodistische Verklausulierungen, etwa auf einen Bibliotheksroman eines gewissen Humbert Eck (alias Umberto Eco). Nur - was ist das Ganze? Eine Travestie auf Buchwissen, das kein Lebenswissen ist? Auf Ordnung, die zur Entropie wird und in den Untergang führt?

Am Ende stellt man sich die nicht ganz unerhebliche Frage: Ist es nur Zufall, dass einem bei der Lektüre altertümliche Wörter wie "Schnurre" in den Sinn kommen, wie "Schmunzeln" oder die "Humoreske"? Allerdings: Gaponenkos Roman fehlt die satirische Fallhöhe eines Jean Paul oder des Engländers Henry Fielding. Vielmehr ist dies Buch eine harmlose Schnurrpfeiferei.