Michael Köhlmeierist einer der fleißigsten und strebsamsten Autoren hierzulande. Ein Musterschreiber seiner Klasse. Pflichtbewusst. Selbstbewusst. Zielbewusst. Ehrgeizig. Sein jüngstes Werk strotzt wiederum von Fleiß und Strebsamkeit. So wie sein 2007 erschienener Roman "Abendland" (780 Seiten), darin er versucht hat, die nahezu komplette Welt- und Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts aufzuarbeiten. Laut Meinung etlicher Literaturkritiker sei es ihm damals jedoch nicht gelungen, "Fiktion und Dokumentarismus zu vermitteln, sein Personal überzeugend in die geschichtlichen Umstände zu integrieren".

Das dürfte sich Köhlmeier zu Herzen genommen haben. Um dem erneuten Vorwurf mangelhafter Vermittlung zu entgehen, hat er sein aktuelles Buch, dessen Spielraum immerhin noch die zweite Hälfte des letzten europäischen Jahrhunderts umfasst, als Schelmenroman angelegt.

Dass es sich um einen solchen handelt, teilt der pflichtbewusste Autor schon in einer Vorbemerkung mit. Und in seinem Ehrgeiz, dem potenziellen Publikum hilfreiche Lese-Zeichen zu geben, hat er bereits vor dem Erscheinen des Romans in Interviews erklärt, worum es darin geht. Nämlich um den Versuch, den aktuellen Zustand der Welt darzustellen.

Epochale Zerstörungen


Die großen, mächtigen Ideologien wie Christentum oder Kommunismus hätten ausgedient, es gäbe keine allgemein verbindlichen moralischen Leitlinien mehr. Er empfinde, sagt Köhlmeier, dass der Zweite Weltkrieg ein ebenso "unfassbares Ereignis" gewesen sei wie einst der Dreißigjährige Krieg. Und er glaube, dass man die desaströsen Folgen solcher epochalen Zerstörungen nicht auf realistische Weise beschreiben könne. Deshalb habe er sich den alten Schelm "Simplicius Simplicissimus" zum Vorbild für seine Romanhauptfigur genommen.

Köhlmeier schickt also einen schelmischen Ich-Erzähler auf einen abenteuerlichen Lebensweg durch die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts, welcher (bereits im 21. angelangt) rückblickend davon berichtet. Dabei wird er von dem literarischen Ratgeber Sebastian Lukasser begleitet, der ja schon im "Abendland" aufgetreten ist und den sein Schöpfer laut Interviewauskunft mittlerweile als Alter Ego versteht und akzeptiert.

Ein pfiffiger Kunstgriff: Denn der Ich-Erzähler wie auch Lukasser bauen vertrauensvoll auf dieselbe humanistische Basisbildung und dieselben epischen Methoden und Mittel wie Köhlmeier. Die Drei haben schrecklich viel gelesen: Welt-, National-, Lokal-, Primär-, Sekundärliteratur, haben furchtbar viel recherchiert: in Archiven, Chroniken, Lexika, Landkarten, Stadtplänen - und haben die schönsten Ergebnisse ihrer Sammlertätigkeit einfließen lassen in Köhlmeiers Haupttalent: ins weite, breite, ausschweifende Erzählen. ("Fabulieren bis zum Anschlag" nannte es einmal ein süddeutscher Kritiker.) Es quillt, es sprudelt, es strömt aus ihm heraus, als narratives Lebenselixier, das sich verzweigt in Geschichten, Episoden, Anekdoten, die mäanderhaft durchzogen sind von des Autors Lust zum penibelsten Detail bei jedem an- oder eingeschlagenem Thema, sei’s das Schachspiel, der jüdische Witz, der Wert des Roggenbrots, die Heilung eines Herzinfarkts oder die Ästhetik eines Automobils: