In "Wir" und "1984" sind sie totalitär. Huxley hingegen entwirft eine Kastengesellschaft, deren friedlicher Status quo mittels Konsum, Sex und Drogen (gegen das Bedürfnis, allzu kritisch zu denken) stabilisiert wird. Parallelen zur Gegenwart dürfen durchaus gezogen werden.

Es gibt eine Form von Dystopie, die Gesellschaften (zeitgenössischewie utopische) nicht bloß kritisiert, sondern sie als Grundlage ihrer Geschichte schlicht ausradiert. Die Autoren versetzen ihre Helden in eine Welt nach der Apokalypse. Es herrschen Chaos, Pandämien oder absolute Vereinzelung. Thomas Glavinic’ Held in "Die Arbeit der Nacht" (2006) etwa erwacht in einem von Mensch und Tier verlassenen Wien. Er macht sich auf die Suche: nach Erklärungen, nach der Liebe, nach dem, was Menschsein ausmacht. Um der Einsamkeit etwas entgegen zu halten, vervielfältigt er sich mit Hilfe einer Kamera - und wird sich selbst zum größten Feind. Glavinic nimmt für seine Geschichte vom "letzten Menschen" Anleihe bei zwei älteren Werken: Marlen Haushofers "Die Wand" (1963) und Herbert Rosendorfers "Großes Solo für Anton" (1976).

In einer der schwärzesten und schönsten Postapokalypsen der letzten Jahre, Cormac McCarthys "Die Straße" (2006), liegt die Welt zerstört unter Ascheschleiern. Auf ständiger Flucht vor Räubern und Kannibalen schlägt sich ein Vater mit seinem Kind Richtung Süden durch. Wie bei Glavinic ist es die Liebe, die über den Tod hinaus Hoffnung gibt.

Hoffnung besteht für die Welt, die Reinhard Jirgl in seinem neuen Großwerk, "Nichts von euch auf Erden" (2013), entworfen hat, nur in der allerradikalsten Form: der Auslöschung und dem Neubeginn bei Null. Die Handlung davor spielt im 24. und 25. Jahrhundert. Einige Prognosen aus Michio Kakus eingangs erwähntem Buch sind dort bereits Realität, etwa Siedlungen auf dem Mond und Mars (die der "Tat=Menschen").

Auf der Erde führt der Rest der genmutierten, laschen Menschheit ein friedliches, abgekapseltes Inseldasein in schwebenden Städten (Imagosphären), nachdem Globalisierung, "Raff=Gier" und Energiekriege den Lebensraum Erde weitgehend zerstört haben. Doch die neuen Menschen vom Mars planen ihre Rückkehr und die Reaktivierung von Willen, Wünschen und Geld als Motoren des Begehrens und der Zukunft.

Achillesferse der Zeit


Grundlegende Utopien unserer Gesellschaft stehen hier unter Kritik: die Hoffnung auf ein Zusammenwachsen der Welt, der Glaube an die grenzenlosen Möglichkeiten von Wissenschaft und Technik und die (in der Tat schwer begründbare) Vorstellung, dass unbegrenztes Wachstum aller Art auf Erden möglich und erstrebenswert sei.

Dass man der Zukunft auch augenzwinkernd entgegensehen kann, zeigen einige jüngere Autoren. In Juli Zehs "Corpus Delicti" (2009), angesiedelt im recht nahen Jahr 2057, herrscht eine Art Gesundheitsfaschismus. Schon das Rauchen einer Zigarette wird zum Delikt. Jan Kossdorff rührt an einer anderen Achillesferse unserer Zeit, dem Konsum ohne Grenzen: "Kauft Leute" (2013) entwickelt den Arbeitsmarkt zynisch weiter - im Hümania-Markt bei Wien wird Menschenware aller Art, von der Nanny bis zum Elektroingenieur, feilgeboten.

Poetry Slammer Markus Köhle stellt sich in "Utopie mal Daumen" ("Ping Pong Poetry", 2013) vor, wie schön es wäre, wenn jeder immer tun könnte, was er am besten kann. Dichten zum Beispiel. Seine Logotopier leben glücklich von einem Schüttelreim pro halber Stunde. Damit müssen sie gegen andere Schriftsteller der Zukunft antreten. Und wenn es nach Literaturkritiker Denis Scheck geht, ist die Literatur in 100 Jahren wortwörtlich auf den Hund gekommen (in "2112 - Die Welt in 100 Jahren"): Denn der beste Freund des Menschen schreibt dann nämlich selbst.

Christina Walker, geboren 1971 in Bregenz, studierte Germanistik und Theaterwissenschaft in Wien, lebt und arbeitet als freie Autorin und Lektorin in Bochum.