Stefan Zweig: Idealist, Erotomane und Ästhet. - © adoc-photos/Corbis
Stefan Zweig: Idealist, Erotomane und Ästhet. - © adoc-photos/Corbis

Am 23. Februar 1942 wurden im brasilianischen Kurort Petrópolis zwei Tote gefunden: In ihrem Wohnhaus lagen friedlich wie im Schlaf der österreichische Schriftsteller Stefan Zweig und seine zweite Frau, Lotte, nebeneinander auf dem Bett. Die Polizei, die den Fall untersuchte, fand auf dem sorgfältig aufgeräumten Schreibtisch einen Abschiedsbrief, in dem der sechzigjährige Emigrant Zweig erklärte, dass er "durch die langen Jahre heimatlosen Wanderns erschöpft aus freiem Willen und mit klarem Sinne aus dem Leben scheide".

Dieser Freitod wirkte seinerzeit auf Freunde und Verehrer des Autors wie ein Schock. Gewiss, Zweig hatte - wie viele andere - vor dem nationalsozialistischen Rassenwahn fliehen müssen, war zunächst nach England, dann nach Brasilien emigriert. Aber im Unterschied zu den meisten literarischen Emigranten war der Wiener jüdische Großbürgerssohn sehr wohlhabend, und überdies ein sprachgewandter, international vernetzter Kosmopolit.

Er blieb im Exil literarisch produktiv und schrieb zum Beispiel die berühmte "Schachnovelle", die in diesen Tagen wieder einmal in Neuauflage erscheint. In dieser packenden Erzählung übersteht ein patriotischer Österreicher die Einzelhaft im Hotel Metropol, dem Wiener Sitz der Gestapo, indem er im Geist endlose Schachturniere gegen sich selbst spielt.

Todessehnsucht

Der Verfasser dieses Widerstandstextes war allerdings weniger lebenskräftig. Aber wurde er wirklich nur von der Exilsituation derart verstört, dass er keinen anderen Ausweg sah als den Tod? Oder gab es noch etwas anderes?

Mit dieser Frage beschäftigt sich Reinhard Wilczek in seinem lesenswerten biografischen Essay "Stefan Zweigs Reise ins Nichts". Der deutsche Germanist erkundet einige verborgene Motive in Zweigs Denken und Schreiben und kommt zu dem Schluss, jenes "heimatlose Wandern", das Zweig in seinem Abschiedsbrief erwähnt, könne nicht erst im Exil begonnen haben. Der liberale Erfolgsschriftsteller, der sich für ein vereintes Europa und eine tolerante Welt engagierte, hatte eine depressive Schattenseite. Nach Wilczek war Zweigs ästhetisches Denken und Fühlen tief beeinflusst vom "Topos des lebensfremden Genius, der an seiner Zeit und sich selbst zerbricht".

Der tragisch scheiternde Künstler wurde von vielen Literaten der Moderne wie ein Heiliger verehrt, und auch Zweig war ein Anhänger des Märtyrer-Kults vom unverstandenen Genie. Wie so viele Intellektuelle seiner Generation bewunderte er besonders den in geistiger Umnachtung verstorbenen Friedrich Nietzsche, dessen Denken er nicht den völkischen Deutschen überlassen wollte. Er verherrlichte also nicht den Propagandisten des "Willens zur Macht", sondern jenen anderen Nietzsche, der in der Vorrede zum "Zarathustra" schrieb: "Ich liebe die, welche nicht zu leben wissen, es sei denn als Untergehende, denn sie sind die Hinübergehenden." Dieses Zitat steht als Motto über Zweigs Essayband "Der Kampf mit dem Dämon", in dem er drei leidende Geister porträtiert hat: Hölderlin, Kleist und Nietzsche.

Wilczek stellt plausibel dar, dass diese geheime Sympathie für die "Unter-" und "Hinübergehenden" zu Zweigs Todeswunsch beigetragen hat. Der Germanist hört noch in Zweigs Abschiedsbrief einen deutlichen Nachhall von Nietzsches Pathos (und das nicht nur, weil Nietzsche ein Buch mit dem Titel "Morgenröthe" geschrieben hat): "Ich grüße alle meine Freunde! Mögen sie die Morgenröte noch sehen nach der langen Nacht. Ich, allzu Ungeduldiger, gehe ihnen voraus."

Eros und Sexus

Nicht jeder Zeitgenosse Zweigs war vom Tod des Autors respektvoll erschüttert. Thomas Mann kommentierte das Ende seines Dichterkollegen mit den Worten: "Der Selbstmord Stefan Zweigs in Brasilien ist rätselhaft. Er war sorgenfrei und erfolgreich, für politischen Gram war er zu charakterlos, und sein nachgelassenes Papier erklärt gar nichts. Ich vermute, dass das liebe Geschlecht im Spiele war und dass irgend ein Skandal drohte. Er war gefährdet in dieser Beziehung."

Dies schrieb Mann in einem privaten Brief an seine amerikanische Mäzenin Agnes Meyer; aber wir neugierigen Nachgeborenen können diesen kritischen Kommentar nun auch gedruckt lesen - nicht bei Reinhard Wilczek, aber in der Studie "Stefan Zweigs brennendes Geheimnis", die der österreichische Literaturkritiker und Publizist Ulrich Weinzierl heuer veröffentlicht hat.

Während Wilczek sich mit Zweigs Verhältnis zum Tod beschäftigt, ist Weinzierl dem Erotiker Zweig auf der Spur. Er findet sowohl in den Texten als auch im Lebenswandel des Autors aufschlussreiches Material: Das "liebe Geschlecht", wie Thomas Mann es in bemühter Ironie nennt, hat Zweig, den Literaten, ebenso brennend interessiert wie Zweig, den Frauenliebhaber. Er ernannte seine erste Ehefrau Friederike zum "Oberhaserl", und leistete sich zugleich eine Reihe stetig wechselnder "Unterhaserln". Auch war er zeitlebens nicht frei von einer pennälerhaften Lust an obszönen Plattheiten, wenn er zum Beispiel statt einem "Kapuziner mit Haut" einen "mit Vorhaut" bestellte, um die Kellnerin in Verlegenheit zu bringen.