Am 1. Juli 2009 wurde der dreijährige Mustafa Zeuge des Mordes an seiner eigenen Mutter: Die 28-jährige Ägypterin Marwa El-Sherbini wurde während einer Gerichtsverhandlung in einem deutschen Gerichtssaal von dem 28-jährigen Alex W. erstochen, ihr Ehemann  schwer verletzt. Zu dem Prozess war es gekommen, nachdem der Täter die Ägypterin auf einem Spielplatz als "Terroristin" und "Islamistin" beschimpft hatte. Die schwangere El-Sherbini starb nach der Messerattacke noch im Gericht.

Dieses schreckliche Beispiel zeigt, dass Rassismus nicht auf verbaler Ebene stehen bleibt.  Rassismus kommt weder allein noch entsteht er im luftleeren Raum. Vielmehr hängt Rassismus mit dem Phänomen des Vorurteils eng zusammen: In beiden Fällen werden Pauschalurteile über Menschen abgegeben, Individuen werden als Mitglied einer Gruppe diskriminiert. Und diese beeinflussen das Leben der betroffenen Menschen auf vielerlei Arten und Weisen. Beispiele dafür kann man jeden Tag beobachten, sei es in U-Bahn, Bus, im Supermarkt, im Fernsehen oder in Debatten über den Islam, sei es in Form von Aggression durch rassistischen Schmierereien, Blogs und Postings oder gar purer Gewalt gegen Individuen.

Die vielen Facetten von Rassismus, in Literatur und Medien, im Sport und Alltag sind Thema des Sammelbandes  "Rasse" - eine soziale und politische Konstruktion". Das vom Sir Peter Ustinov Institut herausgegebene Buch ist die Zusammenfassung der Beiträge einer Fachtagung zum Thema in Wien.

In dem Sammelband analysieren die 15 Wissenschafter Rassismus und Vorurteile auf drei Ebenen: Wie entstehen und entfalten sie sich, wie tritt er in Erscheinung, wie man verhindern kann, dass es überhaupt zu Rassismus und Vorurteilen kommt und wie man sie bekämpfen kann.

Ein geschichtlicher Abriss über die Entstehung und Verbreitung von Rassismus im 18. Jahrhundert bis heute macht dabei den Anfang. Auf ihn folgen Beiträge über Dimensionen und Formen von Rassismus sowie Erklärungen für die Beständigkeit von Rassismus. Dabei werden sowohl Alltagsrassismus, wie zum Beispiel in Form von visuellen Darstellungen, Antiziganismus, Rassismus in den Medien oder im Fußballstadion beleuchtet. Wie sich jahrzehntelanger Rassismus auf ein Land und seine Gesellschaft auswirkt, zeigt wiederum Belachew Gebrewold in seinem englischsprachigen Beitrag über Südafrika.  Am Beispiel der "Regenbogennation" legt der Professor für Internationale Beziehungen dar, dass das rassistische Apartheid-System das gegenseitige Vertrauen zerstört hat – was bis heute  Nachwirkungen bis heute.

Dass der Sammelbandes Theorie mit der Praxis verbindet, zeigen wiederum die Beiträge von Barbara Liegl oder Karin Weiss über Möglichkeiten zur Bekämpfung von Rassismus.

Eine entscheidende Form von Rassismus wird in dem Sammelband jedoch theoretisch nicht weiter analysiert: nämlich die des Institutionellen Rassismus. Mit diesem Begriff wird die Rolle eines Staates bezeichnet, die er heutzutage bei der Ausgrenzung von Menschen - sei es durch fehlende politische Beteiligung und Gesetze, durch Defizite im Kampf gegen Alltagsrassismus und Diskriminierung oder sei es durch systematisch Diskriminierung von MigrantInnen und ethnische Minderheiten durch  Behörden - spielt.

Als Ausnahme kann man allerdings den Beitrag der Soziologin Nora Räthzel nennen. Sie zeigt ihrem Beitrag über die Bedeutung von "Rasse" in modernen und für moderne Nationalstaaten, dass ohne das Kunstkonstrukt "Rasse" kein Staat zu machen ist. Denn "Rasse" ist für eine einheitliche  Identität und Kultur bedeutend, da sie Konsens stiftet.

Abgesehen vom Mangel einer weiteren Auseinandersetzung mit der Verantwortung des Staates bei Rassismus und Vorurteile wäre auch, wenngleich in Sammelbänden nicht immer üblich, ein Stichwortverzeichnis gut gewesen. Ansonsten ermöglicht das Buch eine guten Einblick in den Stand der Forschung und Wissenschaft zu dem Thema im deutschsprachigen Raum.