"Man hat mich mit elektrischen Kabeln geschlagen, wovon ich heute noch Spuren habe. Mein ganzer Körper war eine einzige Wunde, das rechte Bein war gebrochen. Man hat mir die Hände hinter dem Kopf zusammengebunden und mich dann geschlagen."  Mit diesen Worten führt uns Ousmane Camara in die Welt eines politischen Flüchtlings. Wegen Folter, Morddrohungen und Verfolgung verließ er sein Land. 2007 kam er nach Österreich und suchte um Asyl  an.

In den 2000er Jahren kämpfte im westafrikanischen Guinea eine vorwiegend aus Studierenden bestehende Protestbewegung gegen die aus einem Militärputsch hervorgegangene Regierung. Doch anders als beim Arabischen Frühling interessierte das Schicksal der DemonstrantInnen die breite Weltöffentlichkeit kaum, selbst dann, wenn die gewaltsame Niederschlagung der Proteste viele junge Menschen ins Exil zwang. In der Zwischenzeit fanden in dem westafrikanischen Land auch erste demokratische Wahlen statt - worüber sich der ebenfalls aus Guinea kommende Abdulai Barrie freut. Allerdings ist er unglücklich darüber, dass in den Ministerien dieselben Personen sitzen wie während der Diktatur, sagt er. Und er ist traurig darüber, dass sein Vater diese Wahlen, diesen kleinen Schritt in Richtung Demokratie, nicht mehr miterleben kann. Er starb 2007 während einer Demonstration im Kugelhagel des Militärs.


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Lebensgeschichten

Die zwei jungen Männer aus Guinea sind zwei Beispiele von vielen, die im aktuellen Buch "Dorthin kann ich nicht zurück" von Unterdrückung, Folter  und Repression, von Flucht und den damit verbundenen Irrfahrten erzählen. Insgesamt 25 Geschichten von in Österreich gelandeten AsylwerberInnen wurden in dem vorliegenden Band gesammelt. Großteils handeln die Erzählungen aber vom Alltag in den Herkunftsländern der Flüchtlinge, von Kindheit, Jugend, Freundschaft und Familie sowie von ihrem Leben in Österreich.

Die vielen positiven wie negativen, oft anekdotenhaft erzählten Episoden bringen Gerüche und Gestalten zutage, sie sind literarische Geschenke aus Gegenden, die man bis dahin oft nur anhand abstrakter Konturen auf den Landkarten kannte. Da ist zum Beispiel die Geschichte von Mahmud Qasemi aus Afghanistan, der von seiner Liebe zur Natur und Pflanzen erzählt, oder Frances Dimes großer Topf, der genug für alle hergab. Und man erfährt, dass Flüchtlinge auf die Frage, wie es ihnen in Österreich gehe und gefalle, immer mit "gut" antworten. Dies sei eine Frage der Höflichkeit und Dankbarkeit. Aber keine der tatsächlichen Befindlichkeit.

Entwurzelung

Diese Momentaufnahmen aus den Leben der 25 ProtagonistInnen haben Menschen mit meist österreichischem Pass übersetzt und aufgezeichnet, insgesamt wirkten mehr als 40 Personen an dem Buch mit. Erfrischend verschieden sind auch die damit verbundenen vielfältigen Erzählformen: autobiographischen Episoden, Interview, fiktive Kurzgeschichte, Romanausschnitte oder historischen wie theoretischen Abhandlungen. Bereichert werden die verschiedenen Geschichten von schönen schwarz-weißen Porträtfotos. Nicht alle ErzählerInnen werden aber mit ihren wirklichen Namen wiedergegeben, manche haben außerdem erst nach langem Zögern ihre Geschichte geteilt. Zu aufwühlend sind die Erlebnisse der Entwurzelung, zu schmerzlich die Erinnerungen, zu nachhaltig die Traumatisierung.  Andere wiederum fürchten Probleme in ihrem laufenden Asylverfahren oder Verfolgung selbst im Exil.

Hilfreich erweisen sich die mit Hintergrund oder Links angereicherten Zusatzinformationen und Fußnoten. Bei diesen ist allerdings hin und wieder ein kleiner Fehler zu finden: nämlich wenn Volksgruppen mit  Bevölkerungsgruppen gleichgesetzt werden.

Eine gut verständliche Zusammenfassung über die wichtigsten Gesetze zum Asylrecht in Österreich, Deutschland und der Schweiz findet man wiederum am Ende. Dieses letzte Kapitel fügt sich perfekt in das Gesamtkonzept des Buches ein: es ist Lesebuch und Zeitgeschichte zugleich. Wer sich auf das Buch einlässt, auf seine verschiedenen Erzählstile und Geschichten, wird nicht enttäuscht. Außerdem spiegelt das Buch ein Stück gesellschaftliche Realität in Österreich wider: nämlich das der Vielfalt.