Ihre Thesen über die Dominanz der Kultur legen die sie anhand fünf exemplarischer Reportagen aus den Bereichen Ausbildung, Schule, Religion, Arbeitsplatz und Gesundheit dar. Diesen Beiträgen folgte eine wissenschaftliche Analyse, die löblicherweise ein sehr dezentes Maß an Fachvokabular beinhaltet. Dem Buch gelingt dadurch auch der wichtige Brückenschlag zwischen dem universitären Elfenbeinturm und der breiten Öffentlichkeit. Außerdem wird die Auseinandersetzung mit dem Thema durch die Mischung von Reportage und Analyse lebendig.

Zähe Mythen

Besonders hervorzuheben ist ihre Reportage über Jugendliche in Kreuzberg, Berlin. Ohne zu moralisieren oder aus den Burschen Opfer zu machen, versuchen die Autoren zu erklären, warum diese Jugendlichen vor allem ihre schlechten Seiten an den Tag legen. "Leute, die im Mangel aufwachsen, bekommt man nie satt", sagt dazu ein Sozialarbeiter. Und er fügt hinzu, dass dies nichts mit Ausländern zu tun habe, sondern mit der Unterschicht, in der eben vor allem MigrantInnen zu finden seien. Viele Probleme seien eine Reaktion auf die Unterdrückung und Erniedrigung aufgrund ihres Status, betont der Sozialarbeiter.

Außerdem räumen die AutorInnen mit zähen Mythen auf: zum Beispiel mit dem der Sprache als Schlüssel zur Integration. Denn wie man am Beispiel Frankreich sehen kann, genügt Sprache alleine nicht, das gesellscahftliche Teilhabe geingt. Die Kinder aus den ehemaligen Kolonien sprechen perfekt französisch, sind aber trotzdem Außenseiter und Diskriminierte. Sie sind Kinder aus Arbeiterfamilien, die sich, egal welcher Herkunft, auch als Arbeiterkinder und nicht als Menschen mit Migrationshintergrund definieren.

Dies führt gleich zum nächsten Mythos: der des rassistischen Proleten. Den Autoren zufolge ist Rassismus vor allem in der Oberschicht und Mittelschicht zu finden. Sie zeigen, dass besonders diejenigen anfällig für ausschließende Ideologien sind, die sich mit Werten wie Karriere, Geld, Erfolg identifizieren. Ihre ökonomischen Einstellungen stehen im Zusammenhang mit der Abwertung von Menschen, die diese Ideale – aus welchen Gründen auch immer - nicht erfüllen.

Diskursänderung

Das Buch weist aber auch immer wieder auf Wege aus dem Status Quo auf: vor allem eine Änderungen des Diskurses sei wichtig; das Wort "Unterschicht" müsse wieder Eingang in die Analysen über Ungleichheit und Integration finden. Und in den Schulen und der Gesellschaft müsse ein Wertewandel stattfinden: indem Vielfalt positiv bewertet, Fehler und Fremdsprachen nicht verdammt, sondern akzeptiert werden.

Das einzige Manko des klugen Werks: Literaturhinweise sind nur am Schluss jedes Kapitels in den Fußnoten zu finden, eine zusammenfassende Literaturliste wäre am Ende des Buches ebenso gut gewesen wie ein Stichwortverzeichnis. Diese hätten anstelle der hin und wieder vorkommenden inhaltlichen Wiederholungen in den analytischen Abschnitten auch leicht Platz gefunden. Es bleibt zu hoffen, dass diese zusätzlichen Seiten in einer zweiten Auflage Ergänzung finden werden.