Wien. Sie sind die größte in Österreich verbliebene Flüchtlingsgruppe. Zwischen 1992 und 1995 hat der Krieg 90.000 Menschen aus Bosnien und Herzegowina nach Österreich vertrieben. Mehr als 60.000 davon - also zwei Drittel - sind hier geblieben. Zum Vergleich: 1956 flohen 180.000 Ungarn nach Österreich, 84.000 wurde Asyl gewährt, gerade einmal 18.000 blieben auch hier. Und 1968, nach dem "Prager Frühling", flüchteten 162.000 Tschechen und Slowaken nach Österreich, 12.000 blieben.

Als im Sommer 1992 die Bosnien-Kriege ausbrachen, war Dragan Perak 30 Jahre alt. Er ist einer der 60.000 bosnischen Flüchtlinge, die bis heute in Österreich leben. In seinem neuen Buch "Geh fort und dreh dich nicht um" schildert er eine jugoslawische Odyssee von goldenen Zeiten über traumatische Kriegserlebnisse bis zur Ankunft in seiner "neuen Heimat", wie er Österreich heute bezeichnet.

Dragan Perak

Das erste Kapitel seines Buchs beginnt so: "Es war einmal ein Märchenland." Perak wuchs unbeschwert in einem Dorf nahe Mrkonjic Grad in Bosnien-Herzegowina auf. "Bis zum Kriegsausbruch wurde nicht über Religion und Ethnie gesprochen. Diese Fragen kamen gar nicht erst auf", betont der Autor im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". In seiner Kindheit kannte er nicht die Bedeutung religiöser Feiertage. Im Fastenmonat Ramadan sammelte er - als Christ - gemeinsam mit moslemischen Kindern Geld und Süßigkeiten in der Nachbarschaft.

Perak hatte damals - wie er heute meint - alles, was er brauchte, und noch viel mehr. Die Arbeit seines Vaters, der in den 1980er Jahren im Irak als Leiter einer Maurergruppe arbeitete, ermöglichte ihm ein unbeschwertes Leben. Nach Beendigung des Studiums der Vergleichenden Literaturwissenschaft in Sarajewo - er spricht von einer "traumhaft schönen Zeit" - arbeitete er ab 1988 als Koordinator aller Bibliotheken der Region Bihac in der gleichnamigen Stadt und baute sich einen großen Freundeskreis auf. "Einer für alle. Alle für einen. Es gab kein Problem, das wir nicht gemeinsam lösen konnten", heißt es im Buch. Als "Barockzeit" bezeichnet der Autor seinen Lebensstil damals, als er sorgenfrei dem Leben und der Liebe frönte.

Flucht wird zur Odyssee

Zu Silvester 1990/1991 fuhr Perak mit Freunden in das kroatische Rijeka. Mitten im ersten Lied nach Mitternacht begann die dalmatinische Band im Hotelsaal plötzlich Ustasa-Gedichte zu singen. Die Freunde waren unter Schock und "tanzten an diesem Abend nicht mehr". Da die meisten Hotelgäste aus Bosnien kamen, sangen nur zehn Paare weiter. Es war der Anfang "des weniger schönen Lebens".