Herrische Großmutter

Meine Eltern, der Herrschsucht der Großmutter in keiner Weise gewachsen, leisteten deren Entscheidung keinen Widerstand; ich selber, eingeschüchtert und von Natur aus folgsam, war sowieso ohne Stimme. So nahmen die Dinge ihren Lauf: Die Griesers reisten ab, ihr Jüngster durfte sie nur zum Bahnhof begleiten und ihnen bei der Abfahrt des Zuges zuwinken. Mit meinen Seelenqualen, von dem gemeinsamen Unternehmen brutal ausgeschlossen worden zu sein, musste ich allein fertig werden - darin nur "unterstützt" von den heuchlerischen Beteuerungen der Großmutter, wie klug es doch gewesen sei, mir die schrecklichen Strapazen des Reisens erspart zu haben, und um wieviel besser, unter ihrem Schutz daheimzubleiben.

Um in mir keinerlei Enttäuschung oder gar Neid aufkommen zu lassen, war es Teil ihrer perfiden Taktik, mich während der kommenden zwei Wochen in besonderer Weise zu verwöhnen: Großmutter Anna tischte mir alle meine Leibspeisen auf, gewährte mir Freiheiten, die mir normalerweise versagt blieben, nahm mich zu allen ihren Bekanntenbesuchen mit, überschüttete das "brave" Kind vor allen Leuten mit überschwenglichem Lob, verzärtelte mich nach Strich und Faden und beruhigte auf diese Weise, sollten sie in stillen Momenten vielleicht doch Zweifel an der Richtigkeit ihres Verhaltens beschleichen, ihr schlechtes Gewissen.

Dokument der Schmach

Doch die eigentliche Katastrophe stand mir erst bevor. Sie bahnte sich an, als nach Ablauf der ersten Ferienwoche Post aus Zell am See eintraf. Es war eine Ansichtskarte vom Urlaubsort, ein aus raffinierter Perspektive fotografierter Ausblick auf eine majestätische Berglandschaft samt Seeufer, begleitet von handschriftlichen Jubelkommentaren meiner Brüder: ein gutgemeinter, doch in seiner Wirkung verheerender, ja tief verletzender Gruß an den Daheimgebliebenen, ein Dokument der Schmach.

Noch schlimmer die Rückkehr der Familie. Was musste ich mir alles anhören an enthusiastischen Schilderungen ihrer Bergwanderungen und Badefreuden, ihrer kulinarischen Genüsse und ihrer am Urlaubsort geknüpften Freundschaften! Der nächste Tiefschlag folgte, als beim Fotohändler, dem sie die Filme zum Entwickeln gebracht hatten, die Urlaubsbilder abgeholt und in ein Album eingeklebt wurden - es war ein in Zell am See erworbenes Prachtexemplar mit Birkenholzdeckel und alpinem Dekor. Meine Brüder Hans und Helmut in Freizeithemd und Badedress, in ausgeborgten Bergstiefeln und Lederhosen, beim Wandern und Kraxeln, beim Posieren mit Einheimischen in Salzburger Tracht - und das alles selbstverständlich ohne mich.

Selbstverständlich? Es hat lange Zeit gebraucht, bis ich das schwere Unrecht, das mir in jenem Sommer 1941 zugefügt worden war, verkraftet habe. Und ich denke, jeder auch nur mit einem Anflug von Sensibilität und Gerechtigkeitssinn ausgestattete Mensch wird mir nachfühlen können, dass ich von Zell am See partout nichts mehr hören möchte: So tief hatte sich dieses Trauma in mir festgesetzt. Das schöne Zell am See kann nichts dafür. Und dennoch: Auf meiner Landkarte wird es immer ein weißer Fleck bleiben. Oder genauer: ein dunkler Punkt.

Der Text ist ein Auszug aus Dietmar Griesers soeben im Amalthea Verlag erschienenen Buch "Landpartie", 240 Seiten, 22,95 Euro.

Der Autor präsentiert das Buch am Freitag,14. Juni, 20.30 Uhr im Rahmen des Lesefests "Rund um die Burg" in der Beletage des Café Landtmann, Universitätsring, 1010 Wien, und am Mittwoch, 19. Juni, 19.00 Uhr in der Buchhandlung Wilhelm Frick, Am Graben 27, 1010 Wien.

Dietmar Grieser, geboren 1934, lebt als Schriftsteller und literarischer Reporter (zahlreiche Hörfunk- und TV-Sendereihen) in Wien.