Was zur Zeit Tizians eine Glaskugel war, ist heute Big Data: Die Versandriesen nützen die genauen Prognosen. - © Stephane Magnenat
Was zur Zeit Tizians eine Glaskugel war, ist heute Big Data: Die Versandriesen nützen die genauen Prognosen. - © Stephane Magnenat

Wien. Das Weihnachtsgeschäft läuft auf Amazon bereits auf Hochtouren. Zum ersten Mal in dieser Saison wird "The Every-thing Store", der Alleshändler, wie Brad Stone in seiner Biografie über Amazon-Gründer Jeff Bezos den Online-Riesen nannte, auch Tannenbäume verkaufen - die Douglas- und Zimmertanne gibt es in der Box. Gut möglich, dass sich auch das eine oder andere Amazon-Produkt wie der Smart Speaker Amazon Echo unter dem Christbaum wiederfinden wird. Beim "Prime Day", den Amazon als einen globalen Shopping-Event inszeniert, verkaufte der Online-Händler 600 Warenartikel pro Sekunde. Im diesjährigen Weihnachtsgeschäft könnte die Zahl sogar noch gesteigert werden, sagen Analysten voraus.

100.000 Roboter

Um die Bestellungen abzuarbeiten und Pakete pünktlich auszuliefern, benötigt Amazon ein ausgeklügeltes Logistiksystem. Amazon beschäftigt in seinen Logistikzentren mittlerweile 100.000 Roboter. Eine Roboterarmee kurvt unermüdlich durch die riesigen Warenhallen, um diejenigen Pakete zu sortieren, welche Kunden auf der ganzen Welt bestellt haben. Doch Pünktlichkeit und Schnelligkeit allein reichen in der komplexen Lieferkette nicht aus. Es geht darum, Marktentwicklungen frühzeitig zu erkennen.

2014 hat Amazon ein Patent für ein Vorbestellsystem mit dem etwas sperrigen Namen "anticipatory shipping" angemeldet, was so viel wie vorausschauender Versand bedeutet. Die Idee: Waren in jene Gebiete verfrachten, wo sie noch gar nicht bestellt wurden. In dem Patentantrag ist von einem "spekulativen Paketversand" die Rede. Investoren würde es angesichts solcher Risiken frösteln lassen, zumal Amazon 2014 noch rote Zahlen schrieb. Doch dahinter steckt Kalkül: Mit Big-Data-Algorithmen will Amazon die Wahrscheinlichkeit berechnen, mit der Kunden ein Produkt bestellen - und damit die Rücksendekosten reduzieren. Es geht nicht um den einzelnen Konsumenten, dessen Präferenzen Amazon womöglich besser kennt als dieser sie selbst, sondern um große Bestellmengen.

Wenn Amazon in der Adventszeit im US-Bundesstaat Pennsylvania zum Beispiel einen Anstieg von Produktsuchen nach Spielzeug registriert, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass diese auch gekauft werden - und muss Waren an die jeweiligen Verteilzentren verschieben. Laut den Marktforschern von Survata beginnen mittlerweile 49 Prozent aller Produktsuchen auf Amazon. Die futuristische Vision, dass Amazon treuen Kunden ungefragt per Lieferdrohne ein Weihnachtsgeschenk zustellt, nachdem Sprachassistentin Alexa den Wunsch nach einem Produkt aufgezeichnet hat, scheint von der Realität nicht mehr weit entfernt.