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Update: 09.11.2018, 16:21 Uhr

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Hexenverfolgung und Gebirgskrieg




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Von Viktoria Klimpfinger

  • Am Samstag betrachtet das Fernsehprogramm zwei unterschiedliche dunkle Punkte auf der historischen Zeitachse Tirols.

Ein Skelettfund in Osttirol könnte einige Geheimnisse um den Hexenkult lüften.

Ein Skelettfund in Osttirol könnte einige Geheimnisse um den Hexenkult lüften.© ServusTV Ein Skelettfund in Osttirol könnte einige Geheimnisse um den Hexenkult lüften.© ServusTV

So klein einem Österreich auf dem Globus im Vergleich auch vorkommen mag, so groß ist die Vielfalt seiner neun Bundesländer und ihrer Geschichten. Das stellte nicht zuletzt auch die ethno-satirische Mockumentary "Das Fest des Huhnes" und ihre Fortsetzung "Dunkles, rätselhaftes Österreich" fest. "Die Tiroler Bergstämme sind, wie so viele Bergvölker, als besonders kriegerisch bekannt", beschreibt Walter Wippersberg die Bevölkerung Tirols im zweiten Teil, als er Schützenvereine beim Schießen zeigt. Unbestreitbar ist an dieser scherzhaften Beobachtung wohl bloß eines: Tirol ist eines der gebirgigsten Bundesländer der Alpenrepublik und damit wesentlich dafür verantwortlich, dass Österreich eine solche ist.

Diese geografische Lage wurde im Ersten Weltkrieg allerdings tausenden Soldaten zum Verhängnis. Der erste Teil der Doku-Reihe "Krieg vor der Haustür" (Sa., ORFIII, 20.15) befasst sich mit dem sogenannten "Bergführerkrieg" und dem Leben während und trotz ihm. Bereits in den ersten Wochen des Ersten Weltkriegs waren tausende Tiroler Soldaten an die Front geholt worden und hatten aufgrund mangelnder Vorbereitung und Taktik exorbitante Verluste verzeichnen müssen. Als Italien sich 1915 gegen Österreich stellte, hatten Tirol und Kärnten (zweiter Teil: "Frontland Kärnten", Sa., 21.00) den Krieg schließlich direkt "vor der Haustür". Dass die Front sich in dieser Region größtenteils durchs Hochgebirge zog, stellte die Truppen beider Seiten vor immense Herausforderungen. Anfangs transportierten Maultiere und Träger das Notwendigste zu den alpinen Stellungen, später wurden Erstere durch Seilbahnen und Zugverbindungen abgelöst. Den Soldaten drohte nicht nur der feindliche Beschuss, sondern auch der Ausbruch von Naturgewalten. In manchen Gebieten kamen mehr Soldaten durch Lawinen oder Felsabstürze um als durch die Waffen ihrer Gegner, wie etwa bei der großen Lawinenkatastrophe vom 13. Dezember 1916, bei der in den Südalpen bei Trentino tausende Soldaten von Lawinen begraben wurden. Die Region entlang des Ortlergebiets und in den Dolomiten gilt bis heute als einer der höchstgelegenen Kriegsschauplätze der Welt.


Bereits lange vor dem Ersten Weltkrieg war Tirol Schauplatz eines weiteren dunklen Kapitels der Menschheitsgeschichte. ServusTV begibt sich am Samstag mit der Doku "Hexenjagd - Mystisches Tirol" (Sa., 15.10) auf die Spuren des signifikanten Innsbrucker Hexenprozesses. 1485 reiste der Inquisitor Heinrich Kramer nach Innsbruck, um dort gegen das Zauberwesen zu predigen und Denunziationen von vermeintlichen Hexen zu sammeln. Daraufhin ließ er mehrere Frauen festnehmen. Während des Prozesses kam es allerdings immer wieder zu Unmutsbekundungen über die Vorgehensweise des Inquisitors seitens der Bevölkerung, bis schließlich ein Jurist die Verteidigung der angeklagten Frauen übernahm. Mit dem Argument, dass der Prozess nicht den rechtlichen Normen entspreche, erwirkte er ihre Freilassung. Das veranlasste den Inquisitor Kramer dazu, seinen "Hexenhammer" zu verfassen. Das Werk zur Legitimation der Hexenverfolgung erfuhr bis ins 17. Jahrhundert 29 Auflagen.

Der ehemalige Benediktinermönch Anselm Bilgri begibt sich für die Doku auf eine historische Spurensuche vor Ort. Er fragt nach dem Leben im damaligen Tirol, durchstöbert die Dokumente in den Kirchenbibliotheken und versucht zu ergründen, wieso sich Menschen zu einem brutalen Phänomen wie dem der Hexenverfolgung hinreißen lassen. Ein mysteriöser Skelettfund, der aus dieser dunklen Ära stammt, könnte einige Geheimnisse in Zusammenhang mit dem Hexenkult lüften. Ein Sondengänger hat in Osttirol die sterblichen Überreste einer Frau gefunden. Die ominösen Gegenstände, mit denen sie bestattet ist, stellen magische Zeichen dar. Die Doku begleitet den Innsbrucker Archäologie-Professor Harald Stadler und sein rund 15-köpfiges Team bei der Sondierung des Fundorts und der rätselhaften Grabbeigaben.

Dieser Fernsehsamstag bietet somit einen fragmentarischen Einblick in den bewegten Werdegang Tirols. Doch schon diese beiden Punkte auf der Tiroler Zeitachse verdeutlichen eines unbestritten: Hinter Bergidyll und Wintersport, regionalen Klischees und dialektalen Charakteristika steht eine turbulente, lange Geschichte. Viel länger als ein "Oachkatzlschwoaf".




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-11-09 16:01:14
Letzte Änderung am 2018-11-09 16:21:53


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