Der Hase Oswald bekam also gestutzte Ohren und wechselte flugs die Spezies. Der Beitrag, den der begabte Zeichner Ub Iwerks neben Disney selbst dazu leistete, wird in der Legendenbildung gern unterschlagen. Am 18. November 1928 wurde der siebenminütige Trickfilm "Steamboat Willie"
uraufgeführt - das gilt als die
Geburtsstunde von Micky Maus, obwohl sie bereits zuvor in "Plane Crazy" aufgetreten war. Der Unterschied war nur: "Plane Crazy" war ein Stummfilm, und in "Steamboat Willie" pfeift die Maus kess und deutlich hörbar eine amerikanische Volksweise.

Die filmhistorische Sensation potenzierte die Popularität der neuen Figur. Das Kurzmusical
beendete die Stummfilmära im Trickfilm - und war nur ein Beispiel für Walt Disneys Drang nach vorne in Sachen Filmtechnik. Auch der zweite überdurchschnittlich berühmte Auftritt der Maus
("Walle! Walle manche Strecke") im Spielfilm "Fantasia" 1940 stand übrigens unter diesen fortschrittmanischen Vorzeichen.

Auf die Entwicklung der Maus in den Comics hatte das wenig
Einfluss. Ab 1930 erschienen Bildgeschichten-Strips in amerikanischen Zeitungen. Sie unterschieden sich noch sehr von der smarten Maus, die heute in Entenhausen altklug Abenteuer erlebt. Das Personal rundherum, etwa der tatsächlich unrasierte Kater Karlo und die kandisinschnuckelige Minnie Maus, gab es freilich damals schon. Auch der Hund Pluto - ja, genau, eine Maus, die einen Hund als Haustier hat - und den trotteligen Goofy, Sinnbild des kreativen Chaos, wurden aus den Filmen übernommen.

Hierzulande durch "Micky Maus"-Hefte und "Lustige Taschenbücher" sozialisierte Comicfreunde kennen diese Urcomics nur in Ausnahmefällen. In Europa dominierten Produkte aus italienischen Kreativfabriken. Sie erdachten eine blasse, glatte Heldenfigur, der in kindgerechten Kriminalfällen alles gelingt und neben der vor
allem Kollegen glänzen. Unvergessen der glatzköpfige Genosse Gamma, ein Außerirdischer, der leidlich gesellschaftstauglich lediglich mit kurzer Hose angetan ist. Die Hose freilich ist sein Trumpf, kann er aus ihr doch alles hervorzaubern, was man im alltäglichen und nicht ganz alltäglichen Leben so braucht. Unter anderem Naphthalinkugeln, von denen ernährt sich die beachtlich bizarre Figur nämlich.

Der aufmerksame Leser stellte sich mitunter die Frage: Warum lebt die Maus eigentlich auch in Entenhausen? Gehört sie da einer Minderheit an? Warum treffen sich Ente und Maus fast nie? Wie groß kann so ein Entenhausen eigentlich sein? Und warum sind alle Bürgermeister Schweine? Tatsächlich gibt es die Koexistenz der Comicspezies nur im deutschsprachigen Raum. In anderen Ländern sind die Verhältnisse aufgeräumter: Da leben die Anatiden in Duckburg und alles Mausbezogene spielt sich in Mouseton ab. Die Bürgermeisterfrage ist nicht ausreichend belegt.

Mausfestspiele in der Mode
und in der Kunst

Dass sie von Kritikern als spießig empfunden wird, ist eventuell eine doch recht selektive Wahrnehmung. Bei Fotorecherchen stößt man auf Zelebritäten von John Lennon abwärts, die mit einer Micky Maus auf der Brust dem Kind in ihnen ihre Loyalität zeigen. Dafür gibt es gerade heuer besonders viel Gelegenheit. Denn zum Jubelfest wurde das Füllhorn an Lizenzierungen so richtig angeschmissen. Man weiß bei Disney wie immer, was man tut: Bei der seit Donnerstag erhältlichen, limitierten Moschino-Designerkollektion für H&M waren erstmal ausschließlich die 90er-Jahre-inspirierten Micky-Maus-Teile ausverkauft.

Nichts anderes muss man erwarten bei einem Tier, das sich sogar in die Alltagssprache geschlichen hat: "Eine kleine Micky Maus zieht sich
ihre Hose aus, zieht sie wieder an und du bist dran!"

Dran an der Maus waren auch immer die Künstler. Vor allem Pop-Art-Vertreter wie
Andy Warhol und Keith Haring erkannten ihr kulturgeschichtliches Potenzial. Eine Ausstellung in New York lädt nun in eine Instagram-taugliche Wunderwelt der Maus-Kunst. Ob es da drin auch eine kleine Folterkammer mit den Fotos von Gottfried Helnwein gibt, die er von Schockrocker Marilyn Manson mit
Micky-Maus-Ohren gemacht hat,
ist fraglich. Nicht nur Gamma würde das aber gewiss gefallen.