• vom 19.11.2018, 16:13 Uhr

Medien

Update: 19.11.2018, 17:20 Uhr

Integration

Was ist "das Leitkultur"?




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Von Cigdem Akyol

  • YouTube-Star Firas Alshater ist ein in Syrien geborener Comedian, der über deutsche Befindlichkeiten nachdenkt.



Sollte Integration etwas Ähnliches sein wie Brot backen? - Firas Alshater in Aktion auf YouTube.

Sollte Integration etwas Ähnliches sein wie Brot backen? - Firas Alshater in Aktion auf YouTube.© Firas Alshater & Okayfactor GmbH Sollte Integration etwas Ähnliches sein wie Brot backen? - Firas Alshater in Aktion auf YouTube.© Firas Alshater & Okayfactor GmbH

"Der Leitkultur? Die Leitkultur? Das Leitkultur", grübelt der Syrer auf dem Sofa sitzend. Sind regionale Speisen wie Brezeln und Sauerkraut Leitkultur? Oder die Casting-Sendung "Germanys next Topmodel"? Firas Alshater kommt in dem Clip nicht dahinter, was mit dem politisch aufgeladenen Wort eigentlich gemeint ist. Unterlegt ist das rund zehnminütige YouTube-Video mit poppiger Musik und Comicszenen. Das 2017 veröffentlichte Stück mit dem Titel "Leitkultur - Was ist das?" wurde bis heute rund 40.000 Mal aufgerufen.

Der 27-jährige Alshater wirkt so wie viele Berliner Hipster: langer Vollbart, die Spitzen an den Seiten hochgezwirbelt, nerdige Brille, Tätowierungen, Piercing, legere Kleidung, betont coole Attitüde. Doch Alshater ist kein dauernd lächelnder Kerl, der niedliche Erklär-Videos veröffentlicht, er ist der erste deutsche YouTube-Star mit Fluchtgeschichte.

Die Revolution erklären

Nur der Tod eines anderen ist der Grund dafür, dass er heute in einem Berliner Café sitzt, im Gespräch den Bart krault und ausdrucksstark gähnt, weil er das ganze Wochenende in einem Club tanzen war. Denn wäre der syrische Journalist Tamer Alawan 2012 nicht während der Dreharbeiten für "Syria Inside" ums Leben gekommen, dann würden die Deutschen Alshater wohl kaum kennen. Der Berliner Filmemacher Jan Heilig produzierte den deutsch-syrischen Film, weil Alshater selbst schon seit Jahren die Gräueltaten des Regimes und die Proteste dagegen mit der Kamera dokumentierte, wurde er der neue Mann für "Syria Inside".

Eine Facebook-Freundin stellte den Kontakt zu Heilig er, der kümmerte sich darum, dass Alshater mit einem Visum nach Berlin kommen konnte. Gemeinsam beendeten sie den Film, der eine Mischung aus Comedy und Kriegsdokumentation ist - zwei syrische Showmaster führen auf humorige Art durch ihr Land und erklären die Revolution; gezeigt werden auch echte Szenen aus Foltergefängnissen. Alshater erinnerte sich beim Sichten des Materials an seine Tortur, doch die Arbeit im sicheren Ausland half ihm dabei, "ein bisschen Abstand zu gewinnen". Er wird endlich wieder wertgeschätzt. "Zum ersten Mal seit einer langen, langen Zeit bin ich wieder ein Mensch."

Aufgewachsen in Damaskus, studierte Alshater Theater und träumte davon, Schauspieler zu werden, bis 2011 die Revolution ausbrach und der säkulare Syrer sich dem Aufstand anschloss. Sein Aktivismus führte nach eigener Aussage dazu, dass er eingesperrt und gefoltert wurde. Erst nach neun Monaten gelang es seiner Familie, ihn freizukaufen. Er entschloss sich zur Flucht, lebte kurz in der Türkei, wo er weiterhin als freier Journalist für Medien weltweit arbeitet. Im Mai 2013 kam er schließlich in Berlin an. "Sie haben mich nicht geschlagen. Trotz der lupenreinen Papiere wurde ich lange festgehalten, verhört und durchsucht. Diese Polizisten respektieren mich also auch nicht, aber sie respektieren wenigstens ihr eigenes Gesetz", sagt er.




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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2018-11-19 16:25:30
Letzte Änderung am 2018-11-19 17:20:00



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