• vom 22.11.2018, 15:48 Uhr

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Billionen gefrorener Augenblicke




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Von Bernhard Baumgartner

  • Der technologische Fortschritt hat die Fotografie zur beliebigen Alltäglichkeit gemacht. Das schadet ihr nicht.

Kentucky, 1890. Ein Farmer posiert im Sonntagsanzug.

Kentucky, 1890. Ein Farmer posiert im Sonntagsanzug.© Getty Images Kentucky, 1890. Ein Farmer posiert im Sonntagsanzug.© Getty Images

Die Szene spielt im Auto, die Fahrt dauert und es ist öde. Plötzlich reißt es Marie, als ob sie etwas vergessen hätte - die Herdplatte abzudrehen oder die Haustüre zu versperren. Hektisch zieht der Teenager sein Handy aus der Tasche und macht ein schnelles Selfie. Das wird routiniert per Snapchat verschickt. Marie atmet durch. "Fast hätte ich meine Flamme verloren", sagt sie und atmet hörbar durch. Die Flamme, sie ist das Zeichen der Power-User auf Snapchat. Wer brav jeden Tag ein Foto macht und verschickt, wird mit dem gelben Symbol geadelt, die Zahl daneben sagt aus, wie lange man die Flamme schon hat. Je mehr Tage, desto angesehener in der Community. Millionen Fotos entstehen nur deswegen, weil man das kleine Symbol brennen lassen will. Das Foto ist dabei unbedeutend, es ist nur das Mittel zum Zweck - Anerkennung der Follower. Was auf dem Bild zu sehen ist, spielt keine Rolle mehr.

1,2 Billionen (eine Zahl mit 12 Stellen) Fotos wurden im Vorjahr Schätzungen zufolge weltweit angefertigt. 2013 waren es nur etwa halb so viele. Und es werden immer mehr. Die Fotografie hat sich Hand in Hand mit dem Smartphone zum ständigen Begleiter entwickelt. Jeder kann jederzeit ein Foto oder ein Video anfertigen. Vorbereitung ist dabei nicht nötig. Fotografie liegt im Trend, wie auch die Beliebtheit der Photo+Adventure zeigt, die am Wochenende in der Messe Wien stattfindet.


Die Menschen investieren keinen großen Gedanken an ideale Augenblicke oder mögliche Motive. Was man sieht und dokumentieren will, wird geknipst. Kosten: wenig. Aufwand: kaum vorhanden. Die Fotografie wird dabei zum Werkzeug der Dokumentation des eigenen Lebens. Dass die allermeisten dieser Fotos weder nochmals angesehen geschweige denn ausgedruckt oder anderweitig für die Zukunft fixiert werden, spielt dabei keine Rolle. Zumindest bis zum nächsten Datenverlust.

Man kann nur spekulieren, was Louis Jacques Mandé Daguerre zu Maries Umgang mit der Fotografie gesagt hätte. Vermutlich wäre er entsetzt, was aus seiner Entwicklung geworden ist. Denn der französische Maler und Theaterdekorateur hatte 1839 sein weiterentwickeltes mechanisches Verfahren zum Festhalten von Augenblicken der Pariser Öffentlichkeit vorgestellt. Unabhängig von Vor- und Parallelentwicklungen gilt dieser Moment im August 1930 als Geburtsstunde der Fotografie, die somit im kommenden Jahr ihren 180. Geburtstag feiern wird (entsprechende Ausstellungen und Aktivitäten wurden auch in Wien bereits angekündigt). Daguerre verwendete versilberte Kupferplatten, die mit Jod oder Brom sensibilisiert wurden. Nach der Belichtung wurden diese mit Quecksilber bedampft, um ein Positiv zu bekommen. Giftig, umständlich, teuer und zeitraubend war die Fotografie. Spontanität ließ alleine das umfangreiche Equipment nicht zu. Kopieren konnte man die Bilder auch nicht. Jedes Stück war und blieb ein Unikat. Dass sich das Verfahren dennoch durchsetzte, darf als Zeugnis des hohen Bedarfs gesehen werden, den die Gesellschaft schon damals darin sah.

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Dokument erstellt am 2018-11-22 15:58:25



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