Wien. Seit ein paar Wochen gibt es Spekulationen, ob Google mit einer Zensurversion seiner Suchmaschine auf den chinesischen Markt zurückkehrt. 2010 hatte sich der Internetkonzern wegen Zensurvorschriften zurückgezogen. Doch gegen das Projekt "Dragonfly" regt sich interner Widerstand: Google-Mitarbeiter forderten in einem offenen Brief die Konzernspitze, das Projekt einzustellen - und solidarisierten sich damit mit einer Kampagne von Amnesty International. Google-Chef Sundar Pichai verteidigte das Vorhaben: Tests hätten ergeben, dass über 99 Prozent der Nutzeranfragen beantwortet werden konnten.

Es geht nicht nur um Politik, sondern um viel Geld. China ist mit 800 Millionen Internet-Nutzern ein riesiger Markt. Die Google-Bosse wollen den Markteintritt um jeden Preis. Allein, die Annahme, dass Google mit einer zensurierten Software im Reich der Mitte eine "gemähte Wiese" vorfindet, ist verfehlt. Denn dort dominiert der Platzhirsch Baidu mit einem Marktanteil von 70 Prozent den Suchmaschinenmarkt. Baidu-Chef Robin Li ließ bereits verkünden, dass sein Unternehmen den US-Konkurrenten bei einer Rückkehr bezwingen werde: "Wenn Google sich entscheidet, zurückzukehren, sind wir sehr zuversichtlich, dass wir den Spieler eliminieren und gewinnen werden."

Doch wer ist dieser aggressive Player? Das "Google Chinas", als das die Suchmaschine apostrophiert wird, ist auf den ersten Blick ein harmloser Klon: Suchfenster, Trefferliste, Design der Webseite - all das erinnert an das Vorbild aus den USA. Einzig das Logo, die blaue Pfote, Baidus Markenzeichen, unterscheidet sich.

Amerikanisches Know-how

Doch unter dem ähnlichen Chassis verbirgt sich eine andere Technologie: Baidu hat über die Jahre einen hochleistungsfähigen Algorithmus entwickelt, der im Gegensatz zu Google, dessen Pagerank-Algorithmus Suchtreffer nach der Hyperlinkstruktur anordnet, stärker die einzelnen Wörter im Kontext gewichtet. Entsprechend anders sind die Regeln, nach denen kommerzielle Suchmaschinenoptimierung (SEO) funktioniert.

Es gibt Stimmen, die behaupten, dass in Wahrheit Google Baidu kopiert habe, weil Li schon 1996 eine Suchmaschine namens "RankDex" entwickelt habe - die Stanford-Computerwissenschafter und späteren Google-Gründer Sergey Brin und Larry Page veröffentlichten ihren legendären Aufsatz ("The Anatomy of a Large-Scale Hypertextual Web Search Engine") erst 1998.

Es ist eine Ironie der Geschichte, dass die chinesische Suchtechnik mit amerikanischem Know-how und Geld entstand. Nachdem Li von chinesischen Spitzenunis abgelehnt wurde, schickte er wahllos Bewerbungen an verschiedene Hochschulen auf der Welt und schrieb sich schließlich an der nicht gerade renommierten University at Buffalo für Computerwissenschaften ein. Nach seinem Abschluss 1994 heuerte er zunächst bei Dow Jones and Company an, wo er ein Softwareprogramm für die Online-Ausgabe des "Wall Street Journal" entwickelte, um drei Jahre später zur Suchmaschine Infoseek in Sunnyvale im Silicon Valle zu wechseln.