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Wien. Bei Netflix ist es längst Taktik, große Namen der Filmbranche mit einem Blankoscheck zu locken. Man schmückt sich mit den Namen fürs eigene Programm und lässt den Filmemachern freie Hand in jeder künstlerischen Frage. Diesem Ruf sind nun auch die Brüder Joel und Ethan Coen gefolgt, die mit "The Ballad of Buster Scruggs" einen Episoden-Western für den Streamingdienst gedreht haben, der ein Sammelsurium an teilweise 25 Jahre alten Ideen aus der Coen-Schublade beinhaltet und in sechs Episoden versucht, den Wilden Westen und seine unangenehme Eigenschaft zu erklären, warum man dort so oft so rasch verstorben ist.

Nun ist der Film auf Netflix zu sehen, davor feierte er Premiere beim Festival von Venedig, das sich, anders als Cannes, dem Netflix-Boom nicht verwehrt; am Ende gab es (ausgerechnet) den Drehbuchpreis für die lose Szenensammlung, in der, ganz Coen-typisch, lakonisch vom Leder gezogen wird und man in gewohnt zugespitzter Weise erfährt, wie das Leben und Sterben im Wilden Westen so war.

Millimetergenau gezeichnet

Der Titelheld zum Beispiel, Buster Scruggs, genial gemimt von Tim Blake Nelson, segnet gleich in der ersten Episode das Zeitliche, weil er sich für den besten Revolverhelden des Westens hält. So viel Selbstvertrauen muss bestraft werden, denn es gibt noch mehr flinke Finger im Westen, auch, wenn die Saloon-Schießerei zu Beginn Scruggs Ego wirklich zu untermauern weiß. Dass er mit seinem Outfit aussieht wie eine Mischung aus Lucky Luke und dem Marlboro-Man (ohne Zigarette), ist dem Talent der Coens geschuldet, ihre Figuren stets millimetergenau scharfzuzeichnen. Die Vergänglichkeit - Thema dieses Films - fordert ihren Tribut, und Buster Scruggs darf in den Himmel auffahren, wie sich das jeder kleine comiclesende Bub vorstellt.

Es sterben noch viele in diesem Film. Eine inmitten der Prärie freistehende Bankfiliale wartet nur darauf, überfallen zu werden, doch der Räuber, gespielt von James Franco, hat kein Glück, weder mit dem Bankbeamten noch mit den Indianern, die ihn heimsuchen, noch mit dem Galgen, an dem er schließlich hängt. In einer weiteren Episode reist ein Schausteller mit einem arm- und beinlosen Rezitator umher, es ist die bisher vielleicht philosophischste Kinoepisode der Coens.

Die Regisseure staffieren ihre an sich banalen Miniaturen zu einem humoresken Schwank über den Wild Wild West aus; das können sie gut, aber es fehlt den Kurzgeschichten ein wenig an Raffinesse in ihrer Komposition zu einem Ganzen. Wie ein übles B-Movie verknüpft der Film die Episoden mit einem geblätterten Bilderbuch und behauptet, als Kaleidoskop des Western zu funktionieren, aber das geht nicht auf. Am Ende steht jede der unzusammenhängenden Episoden für die Kernstrategie von Netflix, serielles Erzählen zu forcieren, zugleich ist es die Umsetzung von Skizzen, Ideen, Stückwerk, das nicht organisch gewachsen ist. Trotz allem handelt es sich immer noch um einen Coen-Film, und was für einen: Auch in der Miniatur sind die Brüder ganz außerordentliche Erzähler.