Es ist kein Zufall, dass ausgerechnet Graz zum Austragungsort einer Konferenz zum Thema "Perspektiven Russland - Westeuropa" gewählt wurde. Die steirische Landeshauptstadt hält enge Kontakte zur russischen Föderation, es gibt Kooperationsabkommen mit 4 Regionen und darüber hinaus eine kulturelle und wirtschaftliche Zusammenarbeit mit St. Petersburg.

Zudem hat die Österreichisch-Russische Gesellschaft ihren Sitz in der Steiermark, deren Präsident Peter Presinger zur Konferenz lud. Nicht zuletzt aufgrund der aktuellen Ereignisse gab es einigen Gesprächsbedarf, wobei sich Presinger in seinen Eröffnungsworten beklagte, dass viele westliche Medien "Russland-Bashing" betreiben würden, was sich auch auf die Politik niederschlage. Dabei sei Russland historisch gesehen ein natürlicher Partner in wirtschaftlichen, ökologischen und kulturellen Fragen, weshalb er auf einen "Wandel in den Gehirnen mancher Redaktionsstuben" hoffe.

Ein sensibler Zeitpunkt

Die Konferenz erfolgte zu einem sensiblen Zeitpunkt: Während der Ukraine-Konflikt wieder hochkocht, rüstet sich die EU im Vorfeld der Europawahl gegen "Fake News", deren Urheber sie in Russland vermutet. "Wir haben Versuche der Einflussnahme bei Wahlen und Volksabstimmungen gesehen, bei denen die Beweislage auf Russland als Hauptquelle dieses Vorgehens hindeutet", sagte der für den Digitalbereich zuständige Vizekommissionspräsident Andrus Ansip am Mittwoch in Brüssel.

"Desinformation ist Teil der Militärdoktrin Russlands und seiner Strategie, den Westen zu spalten." Dieser Sichtweise widersprach der für Radio Moskau arbeitende Redakteur Nikolai Jolkin. In seinem Referat sagte er, dass Russland kein Interesse an einer Schwächung Europas hätte und nannte als Beispiel den französischen Präsidenten Emmanuel Macron: "Nur ein starker Präsident eines starken Frankreichs kann ein zuverlässiger Partner Russlands in der multilateralen Welt werden. Es mangelt in Europa an starken Führungsfiguren, das dürfte für Russland ein Problem werden." Dazu beklagte er, dass sich die Meinung der Russen gegenüber dem Westen in den vergangenen Monaten verschlechtert habe.

Zwischen "Putin Verstehern" und "Russland Bashern"

Im Rahmen der Diskussionen zeigte sich, dass die Berichterstattung von und über Russland immer mehr von diametralen Polen dominiert wird: Zwischen "Putin Verstehern" und "Russland Bashern" scheint nicht mehr viel Platz zu sein. So falle das Urteil westlicher Medien gegenüber Russland tendenziell negativ aus: Putin sei gefährlich, wenn nicht gar verrückt, er verstoße gegen das Völkerrecht und versuche gnadenlos, seine Einflusssphäre zu erweitern. Dabei sei die Berichterstattung häufig schwarz-weiß und personalisiert statt hintergründig, wodurch Hintergründe wie die Bedeutung rechter Kräfte in der Ukraine bei den Konfliktfällen häufig unter den Tisch fallen würden. Es fehle eine genaue Einordnung und die journalistische Objektivität gegenüber der nationalistischen Partei Swoboda sowie radikaler Gruppen auf dem Maidan.

Andere wiederum werfen westlichen Medien vor, auf eine russisch lancierte Sichtweise beziehungsweise die "Propaganda" hereinzufallen und den Rechten eine viel zu große Bedeutung beizumessen. Anders sieht hingegen die Berichterstattung auf der russischen Seite aus, wo das Fernsehen die öffentliche Meinung prägt. Die drei führenden russischen Fernsehsender zeichnen ein durchwegs negatives Bild des Westens, der demnach zunehmend von Instabilität, Kriminalität und Korruption zerrüttet werde. Dazu kämen das Flüchtlingsproblem und die Sanktionen gegen Russland, die dem Westen selbst am meisten schaden würden.

Das alles bleibt nicht ohne Konsequenzen. Journalist Jolkin nannte Statistiken, wonach Länder wie Weissrussland, China, Kasachstan, Syrien und Indien bei den Russen als Verbündete gelten. Die USA und Großbritannien werden hingegen von einer überwiegenden Mehrheit abgelehnt, auch Deutschland, Lettland, Litauen wird demnach eine feindselige Haltung unterstellt. Dabei würden Russen immer noch gerne nach Europa reisen, Österreich nähme eine Sonderrolle ein: "Österreich betreibt die Annäherung an Russland am stärksten, mehr noch als Deutschland, das unter Merkel zu den USA tendiert. Bundeskanzler Sebastian Kurz und Außenministerin Karin Kneissl sind nach ihrer Hochzeit besonders beliebt." Der jüngste Spionagefall habe hingegen Bedauern ausgelöst und sei als Beispiel für schlechten Stil bewertet worden.