Wien. Das Weihnachtsgeschäft bei Amazon läuft auf Hochtouren. Allein im Logistikzentrum Tilbury bei London, das so groß wie 28 Fußballfelder ist, wurden am "Black Friday" Ende November 5000 Pakete pro Minute versandt. 2500 Mitarbeiter und 8000 Roboter sind pausenlos im Einsatz. Suchen, greifen, sortieren, scannen - es ist immer wieder dieselbe mechanische und repetitive Arbeit. Erstmals in der Vorweihnachtszeit hat Amazon weniger zusätzliche Saisonkräfte eingestellt - statt wie in den vergangenen Jahren 120.000 sind es in diesem Jahr lediglich 100.000 temporäre Neueinstellungen. Analysten werten die Entwicklung als Anzeichen einer zunehmenden Automatisierung der Logistik.

Dafür hat Amazon weltweit kürzlich den 100.000sten Roboter in seinen Logistikzentren im Betrieb genommen. Die Robotiksparte Amazon Robotics, die aus der Übernahme des Lagerroboterherstellers Kiva Systems, der 2012 für 775 Millionen US-Dollar aufgekauft wurde, hervorging, ist der zentrale Antriebsstrang des Versandhändlers. Die orangefarbenen, rund 145 Kilogramm schweren Roboter, die mit einer Geschwindigkeit von acht Kilometern pro Stunde zwischen den Regalen umherkurven, sind die Arbeitstiere der Logistikmaschinerie - sie können Lasten von bis zu 317 Kilogramm transportieren. Ohne die maschinellen Lageristen könnte Amazon das riesige Auftragsvolumen in der Weihnachtszeit kaum bewältigen.

"Unmenschliche Bedingungen"

Durch die Automatisierung des Sortier- und Packprozesses lassen sich erhebliche Effizienzgewinne erzielen. Zwar beschäftigt Amazon weltweit noch immer 500.000 Mitarbeiter und verspricht 50.000 neue Jobs an seinen beiden neuen Hauptquartieren auf Long Island City (New York) und in Crystal City (Virginia). Arbeitsmarktexperten befürchten aber, dass Amazon die mechanische Arbeit in den Warenlagern weiter automatisieren und letztlich die meisten Menschen durch Roboter ersetzen könnte. Allein im vergangenen Jahr wurden beim Versandriesen 75.000 neue Roboter "eingestellt".

Roboter haben gegenüber dem Menschen einen entscheidenden Vorteil: Sie sind billiger, streiken nicht, fordern keine Lohnerhöhung und organisieren sich nicht in einer Gewerkschaft. Dabei geht es aber nicht allein um die Frage, ob die Automatisierung im Saldo positiv oder negativ ist, also Arbeitsplätze schafft oder vernichtet, sondern unter welchen Bedingungen die Beschäftigten arbeiten. Gewerkschaften haben wiederholt die unmenschlichen Arbeitsbedingungen bei Amazon kritisiert. Der Investigativ-Reporter James Bloodworth, der sich für seine Buchrecherchen heimlich in ein Amazon-Lager im englischen Staffordshire einschleuste, berichtet, dass Mitarbeiter in Flaschen pinkelten, aus Angst, für Leerlaufzeiten bestraft zu werden. Die Mitarbeiter klagen über Druck, schlechte Bezahlung und Überwachung: Computer erfassen jeden Arbeitsschritt. Wie viele Pakete werden eingelagert? Wie viele wieder eingepackt? Ist der Mitarbeiter produktiv genug?

"Wir sind keine Roboter"

Nach dem Black Friday protestierten in ganz Europa tausende Amazon-Mitarbeiter. Die britische Gewerkschaft GMB produzierte einen an Amazon-Chef Jeff Bezos adressierten Kampagnen-Clip, in dem Amazon-Angestellte in verschiedenen Sprachen deklamieren: "Wir sind keine Roboter." Es ein vielstimmiger Klagechor. Doch die Botschaft sitzt.

Wie Amazon über die Zukunft seines Unternehmens nachdenkt, lässt sich an mehreren Patenten ablesen. Im Juli meldete der Online-Händler ein Patent auf eine automatisierte Sortiertechnik an. In der Patentskizze ist ein Roboterarm zu sehen, der einen Menschen neben anderen Gegenständen in hohem Bogen in einen Container wirft. Nachdem der US-Verband kleinwüchsiger Menschen aufschrie, entfernte Amazon das Männlein aus der Zeichnung. Man kann das für eine Sottise halten. Es sagt aber viel über das Menschenbild bei Amazon aus. Die Zeichnung hat hohe Symbolkraft: Der Mensch wird wie eine Ware aussortiert.

Der Versand-Riese hat unterdessen ein Patent auf Überwachungs-Armbänder angemeldet, die mithilfe von Ultraschall präzise die Armbewegungen der Warenhausmitarbeiter tracken und sie mittels Vibrationen in eine bestimmte Richtung "nudgen" können. Der Mitarbeiter wird so zu einer ferngesteuerten Maschine. Ein autoritär gelenkter Roboter war schon das Idealbild des US-Ingenieurs Frederick Winslow Taylor, der mit seinem Konzept der wissenschaftlichen Betriebsführung ("scientific management") jeden Arbeitsschritt streng takten wollte. Es ist leichter, den Menschen zur Maschine zu zerlegen, als einen Roboter zu bauen.

Bis Amazon seine gesamte Lieferkette automatisiert hat, werden wohl noch einige Jahre vergehen. Die bittere Ironie ist, dass der Mensch noch immer die billigere Sortiermaschine ist.