Man denkt da ja nie dran. Dass der soziale Wirkungsbereich eines Igels recht eingeschränkt ist. Weil stichige Nadeln und so. Im Bus will keiner neben ihm sitzen, weil akute Abstechgefahr besteht. Gar nicht zu reden vom Völkerball, denn so viele Bälle kann sich keiner leisten, die ja jedesmal ihr Leben lassen, wenn der Igel abgeschossen wird. Und dann schubs einmal so einen Igel auf der Schaukel an! Das Einsamkeitspotenzial ist nachgerade galaktisch für stachelige Tiere. Jetzt mögen knochentrockene Realisten sagen: Nicht nur das mit der Schaukel ist eventuell in der Natur des echten Lebens vernachlässigenswert. Nicht aber im Weihnachtswerbespot der "Erste Bank". Glücklicherweise gibt es da ein empathiefähiges Eichkatzerl, das sich der Problematik annimmt. Und so bekommt der Igel von der Wald-Gang zu Weihnachten ein Packerl. Da wühlt er sich erstmal durch die Bruchschutz-Nockerl - bis ihm erklärt wird, dass die das Geschenk sind. Mit so einem Stachelschutz kann man nämlich auch einen Igel gefahrlos herzen.

Weihnachten, so widersprüchlich wie Karl Marx als Santa Claus: Hier zu sehen auf einem Graffiti in Brasiliens Sao Paulo. - © Cris Faga/NurPhoto via Getty Images
Weihnachten, so widersprüchlich wie Karl Marx als Santa Claus: Hier zu sehen auf einem Graffiti in Brasiliens Sao Paulo. - © Cris Faga/NurPhoto via Getty Images

Da bleibt kein Auge trocken. Also außer man stellt gern kleinen Kindern ein Haxl, sieht im Ja- natürlich-Schweinderl nur ein weiteres Spanferkel, empfindet nichts für Golden Retrievers oder hat sonstwie ein Herz aus Granit. Mit Eisschicht drauf. Nun ist dieser Spot allerdings wahrscheinlich einer der kalkuliertesten viralen Erfolge des österreichischen Werbejahres 2018. Er zeigt putzige Tierchen, er setzt auf die Macht der Freundschaft, er hat einen unschmalzigen, fast traurigen Soundtrack mit Hoffnungsschimmer. Er wurde nur im Internet veröffentlicht und verteilte sich flott über die Sozialen Medien. Aus einem Grund: Weil Werbe-Experten wissen, dass die Emotionen um Weihnachten bei vielen ohne Hornhaut des Zynismus freiliegen.

Rührende Auflösung

In angelsächsischen Ländern kann man schon länger von einer Tradition sprechen: Alljährlich werden Weihnachtsspots von bestimmten Unternehmen mit Spannung erwartet. Meist werden sie dann im Netz viral - unter reger Diskussion darüber, wie tränendrüsig der Spot heuer gelungen ist. Vorreiter ist die britische Warenhauskette John Lewis. Auch da spielen mitunter Waldbewohner eine Rolle. Zum Slogan "Geschenke, die allen gefallen" ließ die Firma einen Vater ein Trampolin für seine Tochter mit Geschenkbanderole im Garten aufbauen - auf dem sich zügig und vermeintlich unbeobachtet von Fuchs über Dachs bis zu Eichhörnchen allerlei Getier verlustiert. Hinter der Terrassentür verfolgt ein flehentlich blickender Boxerhund das Treiben und gewinnt schließlich am Weihnachtsmorgen das Rennen zum Trampolin mit dem eigentlich beschenkten Mädchen. Auf dem Sprunggerät erfüllt sich der Hund mit wehender Zunge den Traum vom Fliegen - dazu spielt eine melancholische Variation von Randy Crawfords Sehnsuchtsklassiker "One Day I’ll Fly Away".