Das Weihnachtsgeschäft lief auf Amazon auch heuer wieder auf Hochtouren. Zum ersten Mal in dieser Saison konnte man beim "The Everything Store", dem Alleshändler, wie Brad Stone in seiner Biografie über Amazon-Gründer Jeff Bezos den Online-Riesen nannte, auch Tannenbäume kaufen. Beim "Prime Day", den Amazon als ein globales Shopping-Event inszeniert, verkaufte man 600 Warenartikel pro Sekunde.

Um die Bestellungen abzuarbeiten und Pakete auszuliefern, benötigt Amazon ein ausgeklügeltes Logistiksystem. Amazon "beschäftigt" in seinen Logistikzentren mittlerweile 100.000 Roboter. Eine Roboterarmee kurvt unermüdlich durch die riesigen Warenhallen, um diejenigen Pakete zu sortieren, welche Kunden auf der ganzen Welt bestellt haben. Doch Pünktlichkeit und Schnelligkeit allein reichen in der komplexen Lieferkette nicht aus. Es geht darum, Marktentwicklungen frühzeitig zu erkennen.

2014 hat Amazon ein Patent für ein Vorbestellsystem mit dem etwas sperrigen Namen anticipatory shipping angemeldet, was so viel wie vorausschauender Versand bedeutet. Die Idee: Waren in jene Gebiete verfrachten, wo sie noch gar nicht bestellt wurden. In dem Patentantrag ist von einem "spekulativen Paketversand" die Rede. Investoren würde es angesichts solcher Risiken frösteln lassen, zumal Amazon 2014 noch rote Zahlen schrieb. Doch dahinter steckt Kalkül: Mit Big-Data-Algorithmen will Amazon die Wahrscheinlichkeit berechnen, mit der Kunden ein Produkt bestellen - und damit die Rücksendekosten reduzieren. Es geht nicht um den einzelnen Konsumenten, dessen Präferenzen Amazon womöglich besser kennt als dieser sie selbst, sondern um große Bestellmengen.

49 Prozent suchen auf Amazon

Wenn Amazon in der Adventszeit im US-Bundesstaat Pennsylvania zum Beispiel einen Anstieg von Produktsuchen nach Spielzeug registriert, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass diese auch gekauft werden - und daraufhin werden Waren an die jeweiligen Verteilzentren verschoben. Laut den Marktforschern von Survata beginnen mittlerweile 49 Prozent aller Produktsuchen auf Amazon. Die futuristische Vision, dass Amazon treuen Kunden ungefragt per Lieferdrohne ein Weihnachtsgeschenk zustellt, nachdem Sprachassistentin Alexa den Wunsch nach einem Produkt aufgezeichnet hat, scheint von der Realität nicht mehr weit entfernt zu sein. "Predictive Shopping" gilt als das nächste große Ding im Handel. Die Datengurus hegen eine Obsession, die Menschen berechenbar zu machen und gesellschaftliche Entwicklungen wie das Wettergeschehen vorherzusagen. Das klingt dystopisch, funktioniert aber erstaunlich gut.