• vom 18.01.2019, 16:42 Uhr

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Update: 18.01.2019, 17:14 Uhr

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Betreutes Leben: Marie Kondos Aufräumhilfe auf Netflix




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Von Christina Böck

  • Banalste Aktionen des Alltags schaffen wir nicht mehr ohne Assistenz.

Achtung aufpassen, es folgt die Einführung in die Geheimwissenschaft T-Shirt-Falten durch Marie Kondo (Dritte von links). - © Netflix

Achtung aufpassen, es folgt die Einführung in die Geheimwissenschaft T-Shirt-Falten durch Marie Kondo (Dritte von links). © Netflix

Mit den Schächtelchen fängt es schon an. Für Marie Kondo sind Schächtelchen perfekte Helfer, um übersichtlich Ordnung zu halten. Die staubige Wahrheit sieht anders aus. Für jemanden, der tatsächlich seine Wohnung ausmistet, klingt das wie blanker Hohn. Denn Schächtelchen sind die Nemesis. Am Anfang freut man sich vielleicht noch, welche Überraschung sich diesmal unter dem lurchpanierten Deckel verbergen könnte. Ein hübscher Schatz, den man total vergessen hat? Eine kostbare Erinnerung? Etwas Wertvolles gar? Nun ja. Nie.

In Schächtelchen ist immer nur das, was man auf die Seite geräumt hat, weil man sich peinlich auseinandergelebt hat. Modeschmuck aus den 2000ern, der auch mit viel gutem Willen nicht mehr wiederbelebt werden kann. Überraschungsei-Tierchen in Bond-Bösewicht-Pose. 30 Jahre alte, fossilienartige Kieferabdrücke für die Zahnspange. Nippes jener Kategorie von Hässlichkeitsdurchschnitt, die den Kameramann von "Liebesg’schichten & Heiratssachen" nur matt gähnen ließe.


Aber das sagt einem Marie Kondo in ihrer Netflix-Aufräumshow nicht. Die Japanerin, die bereits vor einigen Jahren mit ihrem Megabestseller "Magic Cleaning: Wie richtiges Aufräumen Ihr Leben verändert" für einen veritablen Räumhype gesorgt hat, besucht nun in der achtteiligen Serie US-Amerikaner, die ein Gerümpelproblem haben. Das ist natürlich vom dramaturgischen Standpunkt ein ziemlicher Schachzug: Man nehme eine winzige, höfliche Japanerin mit ihren minimalistischen Ansichten und stelle sie in ein riesiges Anwesen mit ausgiebig und willkürlich verteiltem Ramsch.

Die Zeitgenossen, die Netflix da präsentiert, sind gerade noch keine Messies, schrammen aber oft nicht sehr erfolgreich am Hoardertum vorbei (Hoarder sind Menschen, die ohne Ziel, Zweck und Wahl ansammeln). Sie sind also circa um ein bis zwei Umdrehungen unordentlicher als der Standard. Das kommt unter anderem daher, dass sie sehr viel Platz haben. Die Protagonisten bei "Aufräumen mit Marie Kondo" haben zum Beispiel so viele Räume in ihrem Haus, dass sie mindestens drei zum Kramurizimmer "umgestalten" können. Und da ist die Garage (meist Giganto-Garage) noch nicht mit einberechnet.

Godzilla und die Welpen
Die Aufräumroutine läuft immer gleich ab, zu Beginn begrüßt Marie Kondo auf Knien das Haus. Das ist vielleicht ein Trost für das Haus, in das nun ein als sanftmütige kleine Frau verkleideter Ordnungs-Godzilla einmarschieren wird. Kondo verliert ihr gütiges Lächeln ("Ich liiiebe Unordnung!") nie, nicht einmal, wenn ein Ehepaar sein Schlafzimmer zur Hälfte mit Kartons voller Baseballkarten teilt. Der Kern der sogenannten Konmari-Methode des Ausmistens besteht dann darin, alles auf einen Haufen zu werfen, von Kleidung über Bücher bis zum Graffelwerk, jedes Objekt in die Hand zu nehmen und zu entscheiden, ob es glücklich macht - "Freude in einem entfacht". "Spark Joy", sagt sie auf Englisch und erklärt es mit dem Gefühl, das man empfindet, wenn man einen Hundewelpen sieht.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2019-01-18 16:53:38
Letzte Änderung am 2019-01-18 17:14:29



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