Wien. Nicht zuletzt durch die Nachwehen der Ermordung des saudischen Journalisten Jamal Khashoggi Ende des Vorjahres geraten Investments aus Saudi Arabien zunehmend ins Licht der Öffentlichkeit. Durch den internationalen Druck auf das saudische Herrscherhaus stehen nun auch die saudischen Beteiligungen in den US-Technologiesektor im Fokus der Öffentlichkeit. Denn kaum ein Sektor zieht das saudische Öl-Geld an wie die innovativen IT-Schmieden im Silicon Valley - dem technologischen Herzen der USA.

Faktum ist: Gerade Saudi-Arabien hat in den vergangenen Jahren massiv in US-Start-ups investiert. Allein der Fahrdienstleister Uber erhielt in mehreren Finanzierungsrunden über 11 Milliarden Dollar. 3,5 Milliarden Dollar flossen als Direktinvestition aus dem Staatsfonds "Public Investment Fund" (PIF), weitere 7,5 Milliarden aus dem Vision Fund, an dem Saudi-Arabien gemeinsam mit dem japanischen Telekommunikations- und Medienkonzern Softbank beteiligt ist.

Dass die Tech-Maschinerie so rund läuft, liegt vor allem an einem Schmiermittel, mit dem Saudi-Arabien das Gros seiner Exporterlöse erzielt: Öl. In den Uber-Konkurrenten Lyft hat Saudi-Arabien knapp fünf Milliarden Dollar investiert. Auch das Start-up Magic Leap, bekannt für seine Mixed-Reality, die Bürosoftware Slack, sowie Snap, die Mutter des Fotodienstes Snapchat, werden mit saudischem Kapital versorgt. Saudi-Arabien sucht nach Investitionsmöglichkeiten und die Start-ups aus der Tech-Branche, deren Forschung und Entwicklung viel Geld verschlingt, nach Risikokapital. Das klingt nach einer symbiotischen Beziehung.

Doch nicht zuletzt im Lichte der Ereignisse wirkt die Beziehung zunehmend toxisch. Dass Saudi-Arabien zu den repressivsten Regimen auf der Welt gehört und Menschenrechte mit Füßen tritt, ist keine neue Erkenntnis. Immer wieder kritisieren Menschenrechtsorganisationen Hinrichtungen in dem erzkonservativen Land.

Moralische Verantwortung

Dass Geschäftsbeziehungen des Landes in den USA hinterfragt werden, könnte künftig zum Problem werden - gerade für die jungen Tech-Start-ups, die sich einer moralischen Verantwortung verschrieben haben und mit ihren Diensten oft auch die Welt verbessern wollen. "Warum gibt das Silicon Valley Saudi-Arabien nicht einfach das Geld zurück?", fragte der "San Francisco Chronicle", der so etwas wie das Leib- und Magenblatt im Silicon Valley ist. "Wer erklärt dem Silicon Valley endlich, ethisch zu sein?", wunderte sich die ebenso scharfzüngige wie gut unterrichtete "New York Times"-Journalistin Kara Swisher. Bereits 2016 gab es Kritik, als eine Delegation aus Saudi-Arabien um Kronprinz bin Salman im noblen Fairmont Hotel in San Francisco ein opulentes Dinner organisierte. Mit dabei damals: der Wagniskapitalgeber Marc Andreessen, der Facebook-Investor und Trump-Berater Peter Thiel sowie LinkedIn-Gründer Reid Hoffman. Facebook-Chef Mark Zuckerberg lud bin Salman 2016 in das Facebook-Hauptquartier ein. Vergangenen April wurde der saudische Kronprinz von Google-Chef Sundar Pichai und Unternehmensgründer Sergey Brin am Hauptsitz in Mountain View hofiert. Und Amazon-Chef Jeff Bezos folgte im März einer Einladung nach Riad. Pikant: Der ermordete Khashoggi schrieb für die "Washington Post", die Bezos aufgekauft hat.

Wachsende Kritik

Bezos und bin Salman tauschten sich bei dem Treffen über den Investitionsplan "Saudi Vision 2030" aus, in dessen Rahmen für 500 Milliarden Dollar eine Planstadt aus dem Wüstensand gestampft werden soll. Neom, wie das ambitionierte Projekt heißt, soll eine Modellstadt für nachhaltigen Urbanismus werden: autark, prosperierend, klimaneutral. Auf der Webseite wird die Zukunft in rosigen Farben ausgemalt: 3D-Druck, vollautomatisierter Nahverkehr, Passagierdrohnen, selbstlernende Verkehrssysteme, vertikale Farmen, und das alles mit grüner Energie. Im Aufsichtsrat von Neom sitzen bekannte Gesichter aus der Technologiebranche: der ehemalige Chef von Uber, Travis Kalanick, Marc Raibert, CEO von Boston Dynamics sowie Marc Andreessen.

Trotz wachsender Kritik haben die Entrepreneure ihre Sitze bislang noch nicht niedergelegt. Zu verlockend scheinen die Aussichten auf lukrative Aufträge. Doch der Druck auf die Tech-Unternehmen wächst. Gerade weil deren moralische Selbstverpflichtungen zum Problem werden.