Wien. Sie trägt extravagante Kleider, postet Selfies, posiert auf Terrassen in Shanghai, schlürft Sorbet-Eis in LA, inszeniert sich im Bademantel beim Frühstück oder im Schlabberpulli im Fast-Food-Restaurant - auf den ersten Blick ist Miquela Sousa, besser bekannt als Lil Miquela, ein ganz gewöhnliches Instagram-Model. Doch hinter dem Pseudonym verbirgt sich keine reale Person, sondern ein Avatar: Das 19-jährige amerikanisch-brasilianische Model ist eine computergenerierte 3D-Kunstfigur, geschaffen von einer Entwicklerfirma aus Los Angeles. Die Figur wird dabei per Computeranimation in das jeweilige Setting montiert.

Bei genauerem Hinsehen wird deutlich: Miquela ist kein Mensch, sondern bloß eine ausgefeilte Grafik. Aufgrund der Sommersprossen wirkt sie ein wenig wie eine Sims-Version des britischen Models Emily Bador. Der Blick ist leer, die Gesichtszüge wirken wächsern. Ihrer Popularität tut das aber keinen Abbruch. Im Gegenteil: 1,5 Millionen Nutzer folgen ihrem Account.

Bezahlte Luxus-Werbung?

Seitdem sich die Kunstfigur im April 2016 mit einem Post erstmals der Öffentlichkeit präsentierte, ist ihr Profil durch die Decke gegangen. Miquela gilt als erste virtuelle Influencerin: Die Internet-Berühmtheit erschien auf dem Titel des Streetwear-Blogs "High Snobiety", wird von YouTubern interviewt, spielte in einem Musikvideo mit und hat sogar eine eigene Presseagentur. Im August erschien ihre erste Single "Not Mine". Im Februar 2018 übernahm sie während der Milan Fashion Week den Instagram-Account von Prada. Auf ihrem Instagram-Account, wo sie sich mit der Bewegung "Black Lives Matter" solidarisiert, wirbt das It-Girl für Modemarken wie Chanel, Proenza Schouler und Supreme. (Ob es sich dabei um Sponsored Content, also bezahlte Inhalte handelt, ist unklar. Es drängt sich jedoch der Verdacht auf, dass es so sein könnte.)

Computergenerierte Influencer gelten im Marketing als der nächste große Schrei. Das Transmedia-Studio Brud, das hinter dem Avatar steckt, hat bei einer Finanzierungsrunde laut Medienberichten zwischen 20 und 30 Millionen Dollar Kapital eingenommen und ist jetzt über 125 Millionen Dollar wert. Zu den Investoren gehört unter anderen die Wagniskapitalgesellschaft Sequoia Capital, die bereits in Apple, Google, Oracle, YouTube, Instagram, Yahoo und WhatsApp investierte. Wenn Sequoia irgendwo einsteigt, gilt dies als Indiz dafür, dass aus dem Start-up möglicherweise eine millionen-, wenn nicht sogar milliardenschwere Unternehmung werden könnte.