Wien. "Multimedia": Dieser Begriff war 1995 zum "Wort des Jahres" erkoren worden. Weitere Schlagworte dieses Jahres: Cyberspace und Internet.

In diesem Jahr, 1995, fand auch die 1993 gegründete "Global Village"-Konferenz erstmals im Wiener Rathaus statt. Stadtentwickler, Architekten, Raumplaner und Informatiker träumten bei der "Global Village"-Konferenz von neuen Arbeitsformen, neuen Partizipationsmöglichkeiten der Bürger, neuen Wohn-, Lebens- und Arbeitsformen und einem neuen Verhältnis zwischen Zentrum und Peripherie - das alles ermöglicht durch das im Entstehen begriffene "Global Village", wo die Welt - nun verknüpft durchs Internet - zum Dorf wird. Das Publikumsinteresse war enorm, ein Raunen ging durch die Community, als der "Standard" im Rahmen der Veranstaltung als erste Online-Plattform einer deutschsprachigen Zeitung ins Netz ging.

Militärstrategen und Hippies

Das Internet - eine Ausgeburt von US-Militärstrategen, die im Kalten Krieg mit ihrem ausfallsicheren Kommunikationssystem Arpanet die Basis dafür geschaffen hatten, und von Hippies der kalifornischen Gegenkultur, die die anarchische Architektur dieser Systemarchitektur liebten - war in der Mitte der Gesellschaft angekommen.

Es war die Zeit der Hedonisten, in Wien feierten Raver im Gasometer, in Berlin zog die Loveparade unter dem Wummern von Techno-Klängen über den Kurfürstendamm (und später vom Ernst-Reuter-Platz über die Siegessäule bis zum Brandenburger Tor). Das Motto: Friede, Freude, Eierkuchen.

Supernova in der Gutenberg-Galaxis

Und es war eine Zeit der Techno-Optimisten: "Digitale Technologie schien eine Lösung gegen den Mangel an Wissen und gegen Barrieren für Ausdrucksmöglichkeiten, die einen großen Teil der Welt in den Fesseln von Tyrannei und Ignoranz gehalten hatten", schreibt der Medienwissenschafter an der Universität von Virginia, Siva Vaidhyanathan, in seinem Buch "Antisocial Media - How Facebook Disconnects Us and Undermines Democracy". Das Netz schien für alle Probleme der Gegenwart die Lösung zu sein: Massenbildung, Massenverfügbarkeit von Qualitätsmedien, ungeahnte Partizipationsmöglichkeiten der Cyber-Citoyens, die nicht mehr zu bloßen Medienempfängern degradiert sind, sondern selbst Inhalte ins Netz stellen können. Eine Supernova, die die Gutenberg-Galaxis (der US-Medientheoretiker Marshall McLuhan hatte diesen Begriff in seinem 1962 erschienenen gleichnamigen Buch geprägt) aus den Angeln heben sollte.