In Berlin buhlt man seit Donnerstag wieder um die Goldenen und Silbernen Bären (siehe Bericht Seite 31). "Das Private ist politisch", ist das diesjährige Motto, der Frauenbewegung der späten 60er-Jahre entlehnt. Für sein letztes Festival hätte Direktor Dieter Kosslick sich wohl kaum einen passenderen Leitsatz aussuchen können. In den vergangenen 18 Jahren trug er wesentlich zum Image der Berlinale als politischstes A-Filmfestival bei. Mit Beiträgen wie "Road to Guantanamo", "Taxi Teheran" oder "Syriana" bot er immer wieder Raum für gesellschaftspolitische Debatten und rief bei den Galas wiederholt das Schicksal von politisch verfolgten Filmschaffenden ins Gedächtnis.

Dass Kosslick mit Ende der diesjährigen Festspiele abdankt, scheint schon zu ihrem Beginn ein weiteres Leitmotiv zu sein. Bereits bei der Eröffnung huldigte man mit liebevoller Wehmut dem "Mann mit dem roten Schal", wie ihn seine Fans aufgrund seines oft getragenen markanten Accessoires gerne nennen, und seinem Verdienst um das Filmfestival. Dem widmet sich am Samstag auch die Dokumentation "Die Ära Kosslick" (Sa., 19.20, 3sat) ausführlich. Zum einen hat sie Kosslick selbst bei den Vorbereitungen zu seiner letzten Berlinale begleitet und wirft somit einen Blick hinter die Leinwand. Zum anderen schauen Schauspielstars und Regie-Granden zurück auf sein Schaffen und auf sein oft nicht unumstrittenes breites Programm. Denn er verpasste den Internationalen Filmfestspielen Berlin nicht nur einen politischen Auftrag, sondern machte sie auch für breiteres Publikum zugänglich.

Neben Cannes und Venedig zählt die Berlinale mittlerweile zu den prestigeträchtigsten Hommagen an den zeitgenössischen Film. Doch richtet sie nicht nur den Fokus auf die Lichtspielsparte generell, sondern hebt auch speziellere Genres und Inszenierungen aus ihren jeweiligen Nischen. Ein regelrechter Hype umspielt sie - eine umfangreiche Würdigung des Films an sich, auch abseits des Mainstreams, der in den großen Kinos während des restlichen Jahres die Regieklappe fest in Händen hält. 3sat beleuchtet mit dem Schwerpunkt "Arthouse Kino" Werke abseits der Blockbuster-Trampelpfade.

Mit "Victoria" zeigt 3sat am Samstag (Sa., 20.15, 3sat) ein experimentelles Werk aus dem Berlinale-Fundus. Der Spielfilm des deutschen Regisseurs Sebastian Schipper feierte im Jahr 2015 auf der 65. Berlinale Premiere. Das Herausragende daran: Er wurde in einer einzigen 140 Minuten langen Kameraeinstellung gedreht. Die Spanierin Victoria (Laia Costa) ist neu in Berlin und trifft in einem Club auf vier junge Männer - "Sonne" (Frederick Lau), "Blinker" (Burak Yigit), "Boxer" (Franz Rogowski) und "Fuß" (Max Mauff). Zusammen machen sie eine Zeit lang Berlin unsicher, bis Sonne und Victoria schließlich alleine übrig bleiben. Doch was zu einer rührigen Liebesgeschichte anheben könnte, ändert rasch die Vorzeichen. Die anderen stoßen erneut dazu und bitten Victoria um einen Gefallen: Weil Fuß zu betrunken ist, soll sie als Fahrerin einspringen - für einen Bankraub, wie sich später herausstellt. Als das Unternehmen glückt und die fünf ausgelassen in den Nachtclub zurückkehren, in dem sie sich kennengelernt haben, bleibt dem Zuschauer kaum Zeit zum Durchatmen. Denn das war noch längst nicht das Ende der bedrohlichen Fahnenstange.

Der österreichische Horrorfilm "Ich seh Ich seh" (So., 22.25, 3sat) lief zwar nicht bei der Berlinale, wurde dafür aber auf vielen anderen namhaften Festivals ausgezeichnet. 2014 hatte er in Venedig seine Premiere. Veronika Franz und Severin Fiala lieferten einen Psycho-Thriller mit Arthouse-Manier, der die Spannung trotz langsamem Tempo konstant hoch hält. Die Mutter (Susanne Wuest) kehrt von einer schweren Gesichtsoperation zu ihren Zwillingen Elias (Elias Schwarz) und Lukas (Lukas Schwarz) nach Hause zurück. Weil ihr Gesicht nahezu komplett einbandagiert ist, verdichtet sich bei ihren Kindern der Verdacht, dass es sich bei der merkwürdig angespannten Frau womöglich gar nicht um ihre Mutter handelt. Dass hier Düsteres vor sich geht, ist offensichtlich. Doch von wem es letztlich ausgeht, darüber lässt der Film sein Publikum gekonnt lange Zeit im Dunkeln. Nichts für schwache Nerven - aber definitiv etwas für Arthouse-Affine.