Wien. Vor 50 Jahren war die Fernsehlandschaft überschaubar: Es gab drei Sender, keine Fernbedienung, die ersten Farbfernseher kamen auf den Markt, nach Sendeschluss flimmerte das Testbild mit einem Signalton. Als "Radio mit Bildern" beschreiben Forscher dieses Unterhaltungsprogramm. Heute gibt es hunderte Sender, Mediatheken, Streaming-Dienste oder Facebook, das durch die Priorisierung von Videos zum personalisierten TV-Kanal wird.

Doch nicht nur die Programmvielfalt, auch die Technologie hat sich geändert. Fernseher sind längst keine klobigen Röhrengeräte mehr, sondern Hochleistungsrechner, die mit dem Internet verbunden sind. Ein Smart-TV, auf dem sich Apps herunterladen lassen, ist im Grunde nichts weiter als ein zusätzliches Tablet - mit dem Unterschied, dass der Bildschirm größer ist und nicht per Wisch-Bewegung, sondern immer noch klassisch per Fernbedienung gesteuert wird.

Smart-TVs machten laut einer der Analyse der Marktforschungsgesellschaft IHS Markit im vergangenen Jahr 70 Prozent der verkauften Fernsehgeräte aus. Je größer der Marktanteil von Smart-TVs, desto relevanter wird auch die Frage des Betriebssystems. Google ist mit seinem Betriebssystem Android mit einem Marktanteil von 40 Prozent derzeit führend, gefolgt Samsungs Linux-basiertem Betriebssystem Tizen (23 Prozent). Dahinter folgt Apple mit iOS (13 Prozent). Doch der Markt ist keineswegs starr, sondern hochdynamisch. Die neuen Fernseher von Samsung und LG sollen Apples Streamingfunktion Airplay 2 unterstützen, die es Nutzern erlaubt, Filme und Serien über den Dienst zu mieten und kaufen.

Allein, dieser Komfort hat einen Preis: Smart-TVs sammeln jede Menge Daten über das Nutzungsverhalten. Die "New York Times" berichtete im vergangenen Jahr, dass die App Samba TV Nutzerdaten von 13,5 Millionen Smart-TVs in den USA abschöpfte. Die Software analysierte im Sekundentakt Bildpixel, um zu identifizieren, welches Programm oder welche Werbung gerade läuft. Darüber hinaus erfasste die App die im Haushalt installierten Geräte, den Ort sowie Datum und Uhrzeit. Je nachdem, ob die Zuschauer liberale oder konservative Sender sahen, soll Samba TV Anzeigenkunden personalisierte Werbeflächen verkauft haben.

Informationeller Ratenkauf

Zu den Kunden gehörten unter anderem Citi, JetBlue und Expedia. 2017 musste der Smart-TV-Hersteller Vizio gegenüber der US-Handelsbehörde FTC 2,2 Millionen Dollar Strafe bezahlen, weil er Daten von Millionen Nutzern ohne deren Einverständnis verkaufte.

Zwar lassen sich die Spionagefunktionen in den Einstellungen abschalten. Doch die Datenauswertung ist in der überwachungskapitalistischen Gewinnfunktion gewissermaßen eingepreist. Bill Baxter, der Technologiechef von Vizio, sagte kürzlich in einem Interview mit dem Tech-Blog "The Verge", dass sein Unternehmen Smart-TVs nur deshalb so günstig anbieten könne, weil Daten und Zugänge zu dem Gerät verkauft würden. Eine "mörderische Industrie" sei der Smart-TV-Markt, so Baxter. Die Margen liegen lediglich bei um die sechs Prozent. Es gehe daher nicht um Datensammlung, sondern um eine "Post-Kauf-Monetarisierung". Will heißen: Das eigentliche Geld wird erst nach dem Verkauf des Smart-TV verdient - mit personalisierter Werbung. Die schicken Elektronikgeräte sind quasi subventioniert. Anders formuliert: Die Kosten des Geräts sind nicht mit dem Kaufpreis abgegolten, sondern mit der späteren Datenlieferung. Es ist eine Art informationeller Ratenkauf: Man zahlt das Gerät mit Geld an und finanziert es dann mit den verbrauchten Datenpaketen.