St. Pölten. Erst vor wenigen Tagen wurden die sechs EU-Forschungsflagship-Kandidaten präsentiert, die um insgesamt eine Milliarde Euro Forschungsgelder rittern. Dem Projekt "Time Machine", an dem etliche österreichische Institutionen beteiligt sind, gelang es, unter die letzten sechs zu kommen. Damit ist ein Budget über eine Anschubfinanzierung von einer Million Euro verbunden, um das Projekt voranzutreiben. "Time Machine" soll historische Dokumente lesbar machen und diese auch automatisch miteinander verknüpfen. So sollen Visualisierungen möglich werden, die es leichter machen, die Geschichte von Orten, Gebäuden oder auch Familien zu erforschen.

In Österreich sind neben dem Stephansdom in Wien die Dokumente in Niederösterreich eines der Modellprojekte. Hier sollen verschiedene Urkunden wie Tauf-, Heirats- und Sterbebücher und etwa Grundbücher automatisch transkribierbar gemacht und die so gewonnenen Daten miteinander verknüpft werden. Das große Problem in der Familienforschung ist es weniger, die Dokumente zu finden, sondern deren schlechte Lesbarkeit aufgrund alter Schriften. Hier soll künftig mit künstlicher Intelligenz gearbeitet werden, die die vielfach bereits digitalisierten Dokumente automationsgestützt lesbar macht.

"Big Data" für Geschichte

Mittelfristiges Ziel ist laut Thomas Aigner, Präsident des internationalen Archivnetzwerkes Icarus und "Time Machine"-Mitinitiator, eine Art "Big Data" für historische Daten. Und zwar flächendeckend in Europa. Momentan seien diese Daten "in den Archiven gefangen". Es gehe darum, diese auch für interessierte Bürger les- und nutzbar zu machen. Aber "Time Machine" will noch mehr - nämlich die Daten mit Orten verknüpfen und diese dreidimensional mit ganz neuen Visualisierungstechnologien erlebbar machen. So soll es etwa möglich sein, ein Dorf digital ins Jahr 1700 zurückzuversetzen. Mit einem Klick auf ein Haus hätte man dann die Daten der Menschen, die mit diesem Haus verbunden sind. So wird allen Interessierten Forschung "tief in den sozialen Geflechten" ermöglicht.

Aigner sieht gute Chancen, dass "Time Machine" unter jene Projekte kommt, die Forschungsgelder aus der ausgelobten Milliarde bekommt. Er geht davon aus, dass bis zu drei Projekte aus den nun ausgesuchten sechs zum Zug kommen. Immerhin gehe es um die Erforschung der Wurzeln der Menschen in der EU. Dennoch sei es erfreulich aber ungewöhnlich, dass ein Projekt aus den Sozialwissenschaften bei der EU-Flag-ship-Initiative so weit komme. Diese unterstützt meist Gehirnforschung, IT, Materialforschung oder Quantenphysik.

An "Time Machine" sind derzeit EU-weit 233 Partner wie Archive, Museen oder Diözesen beteiligt - für Aigner ein "umfassender Verbund". Zum ersten Mal habe man es in Europa geschafft, eine breite Allianz zwischen der Wissenschaft, wichtigen Kulturerbe-Institutionen und der Industrie zu schmieden. Mit dabei ist beispielsweise der Computerspieleentwickler Ubisoft, der etwa mit der "Assassin’s Creed"- oder der "Far Cry"-Spielereihe große Erfolge feiert. Mit Icarus, der Nationalbibliothek und der Technischen Universität Wien kommen etwa zehn Prozent der Gründungsmitglieder aus Österreich.