Wenn eine Leserin oder ein Leser in einem Schreiben auf einen im Blatt erschienenen Artikel reagiert, den darin vertretenen Standpunkt entweder teilt oder verurteilt, dessen Inhalt lobt oder kritisiert, oder einfach seine Meinung zu einem bestimmten Thema äußern will, dann wird dies im Normalfall als wichtige Manifestation einer Leserreaktion gewürdigt und nach Möglichkeit auf einer eigens dafür eingerichteten Seite ins Blatt gerückt. Den Verfasser wird's freuen, seine zu Papier gebrachten Gedanken abgedruckt zu sehen, und er wird, vom Erfolgserlebnis angespornt, bei nächstbester Gelegenheit erneut zur Feder greifen. Doch auch bei der Leserschaft im allgemeinen erfreut sich die Lektüre der Leserbrief-Seiten besonderer Beliebtheit.

Es war ein Chefredakteur der Tageszeitung "Times", der einmal meinte, dass sich die Qualität einer Zeitung daran erkennen ließe, wie sorgsam die Redaktion mit Leserbriefen umgehe. Ohne Leserbrief-Seite wäre eine Tageszeitung jedenfalls ein Stück ärmer, denn mit Leserbriefen bekommt jede noch so gut aufgemachte Nachricht und jeder noch so genau recherchierte Bericht, dadurch, dass sich jemand hinsetzt und sich schriftlich dazu äußert, eine zusätzliche Dimension der Leidenschaft.

Auf der Kehrseite der Medaille des braven Leserbriefschreibers steht, dass diese Spezies wenig Ansehen genießt, ihre Exponenten als Wichtigmacher oder Querulant abgetan werden, dass man sie belächelt und dem Spott aussetzt: kaum verwunderlich allerdings in Zeiten, in denen es bequemer ist, mittels Lippenbekenntnissen den Anschein zu geben, ohnehin einer Meinung zu sein. In den Leserbriefen aber hat auch die so genannte "schweigende Mehrheit" eine Chance sich zu artikulieren und damit einer modernen pluralistischen Gesellschaft einen weiteren Horizont zu vermitteln: Ein wirksames, wenn auch oft unterschätztes Instrument gegen das Meinungsmonopol politischer Parteien und der Medien.

Leserbrief-Roulett

Insitutionen wie der Presserat ermuntern ausdrücklich dazu, Leserbriefe zu veröffentlichen. Dies fördere den gesellschaftlichen Diskurs. Dennoch hat der Verfasser eines Leserbriefs kein Recht, auf eine Veröffentlichung zu pochen. Er hängt dabei vom Interesse oder dem Wohlwollen der Redaktion ab. In der Realität kommt es immer wieder zu Absagen, weil der dafür vorgesehene Platz naturgemäß begrenzt ist. Man wird sich derartige Entscheidungen allerdings nicht leicht machen. Eine Absage ist für den Betroffenen immer mit einer Enttäuschung verbunden. Zumindestens kann eine Absage dazu führen, dass der Leserbriefschreiber Überlegungen anstellt, die ihn nicht gerade dazu motivieren, weiterhin ein aktiver Leser zu sein.

Die Meinungsfreiheit und ihre Grenzen

Die Auswahl aus den eingelangten Leserzuschriften ist allein Sache der Redaktion. Dieses Recht muss ihr vorbehalten bleiben, denn Redaktionen, die unwahre Leserbriefe drucken, verletzen die berufsethische Wahrheitspflicht. Gelangen sie dennoch ins Blatt, sind sie umgehend zu berichtigen.

Kürzungen sind - schon aus Platzgründen - oft erforderlich. Dennoch wird empfohlen, nach Möglichkeit immer den ganzen Leserbrief abzudrucken, ohne Rücksprache jedenfalls keine Kürzungen vorzunehmen. Ehrverletzende Äußerungen sind aber auf alle Fälle zu elimiieren, das gilt insbesondere für rassistische, diskriminierende und fremdenfeindliche Stellungnahmen. Je angeheizter die Stimmung in der Bevölkerung ist, desto strikter ist die Publizierung solcher Briefe zu unterlassen. Umso geringer wird dann freilich auch der Spielraum der Meinungsfreiheit.

"Wenn zu einem Bericht von Leserseite eine begründete Richtigstellung einlangt, soll diese so weitgehend und rasch wie möglich veröffentlicht werden", heißt es in Punkt 2.5 des Ehrenkodex der österreichischen Presse. Der Presserat hat daher mehrfach verlangt, derartige Richtig- und Gegendarstellungen gegebenenfalls wenigstens in Form von Leserbriefen zu veranlasssen.

In Presserats-Aussendungen in Österreich, Deutschland und in der Schweiz wird seit einiger Zeit immer wieder vor dem Missbrauch der Leserbrief-Spalten seriöser Zeitungen als propagandistisches Forum für Rechtsradikale hingewiesen. Es besteht nämlich begründeter Verdacht, dass Mitglieder rechtsextremer Zusammenschlüsse zunehmend Leserbriefe verschicken, die scheinbar von Einzelpersonen stammen. In internen Publikationen werde der Abdruck derartiger Briefe dann als Erfolg der Organisation dargestellt.

Noch schlimmer stellt sich die Situation dar, wenn bei einem Nachdruck in solchen Publikationen nicht mehr erkennbar wird, dass es sich dabei um einen Leserbrief und nicht um einen redaktionellen Beitrag des Blattes gehandelt hat. Erhöhte Wachsamkeit und Sorgfalt bei der Auswahl ist daher unbedingt erforderlich. Zwar können auch Briefe mit rechtsgerichteten Inhalten das Meinungsspektrum abdecken, doch der Leserbriefteil muss von Beiträgen strafbaren Inhalts und ehrenrühriger Äußerungen unbedingt freigehalten werden.

Für Aufsehen sorgte im Oktober 2000 in Österreich ein in der Studentenzeitung "Linkswende" abgedruckter Leserbrief, in dem von der "neuen Scheißregierung" die Rede war. Sechs freiheitliche Minister klagten daraufhin das Blatt, in erster Instanz stellte Presserichter Bruno Weis das Verfahren ein. Im Oberlandesgericht entschied dann jedoch der zuständige Rat unter Vorsitz von Ernest Maurer, dass der Fall sehr wohl zu verhandeln sei. Die Zeitung und die Kläger einigten sich schließlich auf einen Vergleich in der Höhe von 18.000 Schilling.