Fingierte Leserbriefe

Immer wieder behauptet und geleugnet: die Existenz fingierter Leserbriefe. Wenn aber in einem in der "Kronen Zeitung" vom 15. September 1992 abgedruckten frauenfeindlichen Leserbrief als Absender ein "Dr. Robert Denkt-Weiter, Rotzeile, 4600 Wels, Jugo-Türken-Hochburgkirchen (ehemals Wels)" angegeben ist, dann hätte die Redaktion die Fäschung sofort erkennen und von einer Veröffentlichung Abstand nehmen müssen. Der Presserat befand daher, dass durch den Abdruck die Berufspflichten der Presse "grob verletzt" worde sei, zudem sei "das Ansehen der Presse schwer geschädigt" worden.

Der Leserbriefscheiber

Thomas Bernhard

Der österreichische Schriftsteller Thomas Bernhard (1931 - 1989) war nicht nur einige Jahre als Lokalredakteur einer Salzburger Tageszeitung tätig, sondern zeitlebens ein eifriger Zeitungsleser. Immer wieder mischte er sich mit energischen Leserbriefen sowie in Form von "Offenen Briefen" ins Geschehen ein. Der zu Lebzeiten in Österreich umstrittene Dichter hatte keine Gelegenheit ausgelassen, mit spitzer Feder seinen Ruf als "größter Schimpfer und Raunzer der Gegenwart" gerecht zu werden.

Auch scheinbar banale Anlässe wie etwa die geplante Einstellung einer Straßenbahnlinie veranlassten ihn zur Reaktion. Bernhards letzter Leserbrief erschien kurz vor seinem Tod, am 12.Januar 1989, in der "Salzkammergut-Zeitung". Jedesmal, wenn er aus dem Ausland zurückkomme, schreibt Bernhard, denke er, dass er "in eine der allerschönsten Gegenden der Welt heimkehre". Zu seinem Entsetzen habe ernun "aus Ihrer von mir immer sehr geschätzten Zeitung" erfahren, "dass die Straßenbahn eingestellt werden soll. Ein größeres Unglück könnte dieser von mir geliebten Stadt gar nicht widerfahren". Deshalb plädierte er dafür, dass die Straßenbahn wieder bis zum Rathausplatz geführt werden sollte. Denn: "Mit der Erhaltung der Straßenbahn und ihrer Weiterführung bis zum Rathausplatz, wäre Gmunden nicht nur seiner Zeit gemäß, sondern dazu auch noch weit voraus".

Viel häufiger noch wurde Bernhard selbst zur Zielscheibe von Leserbriefen aller Art. Leserbriefe säumen den Weg des "skandalösen Bernhard" von seinen ersten öffentlichen Auftritten (1955) über den Dauerkrach mit den Salzburger Festspielen bis zum nationalen Ärgernis "Heldenplatz" im Jahr 1988. Der Germanist Jens Dittmar brachte im Jahr 1991 in der Edition S im Verlag der Österreichischen Staatsdruckerei eine kommentierte Ausgabe aller Leserbriefe von und über Thomas Bernhard unter dem Titel "Sehr geschätzte Redaktion" heraus. Der Halbbruder Thomas Bernhards, Dr. Peter Fabjan, und Suhrkamp-Verlagsleiter Siegfried Unseld als Nachlassverwalter klagten darauf hin beim Handelsgericht Wien mit Verweis auf Bernhards testamentarische Verfügung, wonach "keine neuen Publikationen in Österreich erscheinen dürfen und er jeden Kontakt mit dem österreichischen Staat ablehnt". Außerdem vewiesen die Kläger auf den "Kunstcharakter" dieser Prosa, die stilistische Gemeinsamkeiten mit seinem literarischen Schaffen aufweise.

Der Verlag hielt entgegen, dass Leserbriefe keine "eigentümliche Schöpfungen" im Sinne des Urheberrechts und daher nicht urheberrechtlich geschützt seien. Außerdem würden sie von der Redaktion bearbeitet, gekürzt und mit Titeln versehen, für einen Abdruck werde außerdem kein Honorar gezahlt. Auch auf den - von den Klägern bestrittenen - wissenschaftlichen Charakter der Publikation wurde verwiesen. In der Entscheidung des Handelsgericht wurde jedoch der Klage stattgegeben und die Verbreitung des Bandes untersagt. Es wurde festgestellt, dass die Leserbriefe Bernhards urheberrechtlich geschützt sind, ihre Verbreitung folglich ohne die Erlaubnis der Nachlassverwalter und Rechtsinhaber rechtswidrig sei. Der Verlag berief dagegen, ein halbes Jahr danach wurde zwischen den Parteien ein Vergleich geschlossen, was von Franz Endler im "Kurier"mit Bedauern kommentiert wurde. Hätte man bei einer Ausjudizierung dieses Pärzedenzfalles doch für Klarheit sorgen können.

Selbstverständlich fand auch diese Kontroverse über Leserbriefe ihren Niederschlag: in Form von - wie könnte es anders sein - weiteren Leserbriefen. Nachzulesen sind sie in der 1993 erschienenen und im Lichte der Gerichtsentscheidung überarbeiteten Neuauflage des Buches unter dem nunmehr boshaften Titel "Sehr gescherte Reaktion". Die inkriminierten 15 Leserbriefe Bernhards sind hier im urheberrechtlich zulässigem Ausmaß auszugsweise zitiert oder paraphrasiert wiedergegeben.