Wien. Es waren nicht die Performer, die High Society, die Partylöwen und Prosecco-Schlürfer und auch nicht die Lenker und Denker des Landes, die Elizabeth "Toni" Spira interessierten. Die Oberen Zehntausend, die Eliten - das war nicht ihr Metier. Viel eher fand man sie in einer schamhaft "Teestube" genannten Absturztränke mit dickem Zigarettenrauch - durchaus auch ihrer Provenienz - voll mit grantigen Insassen. Das war das Biotop der peniblen Chronisten der Schattenseiten des Lebens in Wien, die am Samstag nach längerem Leiden in Wien verstorben ist. Oder besser: Es war ihr Forschungsgebiet. Es galt, die Patina des Lebens in Schichten freizulegen und an die Essenz der Menschen zu gelangen. Nicht die Fassade - das Innere war interessant. Und Spira gab nicht auf, bis sie zu dieser Essenz des Lebens vorgedrungen war. Und wenn die Aufzeichnung Stunden dauerte. Erst wenn das im Kasten war, ließ sie locker.

Diese Hartnäckigkeit, aber auch die Geduld und das Verständnis, das sie ihren Protagonisten entgegenbrachte, brachte ihr auch den verdienten Beifall des TV-Publikums ein. Ihre "Alltagsgeschichten" gerieten zu Sozialstudien oder Vermessungen der Biotope der Stadt, etwa die Donauinsel, die Kleingärten oder die Würstelstände. So manch einer redete sich in der Ausnutzug seiner 15 Minuten Ruhm um Kopf und Kragen. Da wurde mitunter das Arbeitslosengeld gestrichen oder so mancher eigentlich im Schwimmbad verbrachte Krankenstand flog im Nachhinein auf. Wenn nach einer Viertelstunde die Präsenz der Kamera vergessen war und die Menschen mit Spira ganz normal redeten, kam schon mal das eine oder andere zu Tage, das besser nicht im Fernsehen gelandet wäre. So mancher rümpfte die Nase und nannte die "Alltagsgeschichten", die Spira mit dem Historiker Michael Mitterauer 1985 aus der Taufe hob, "Sozialporno". Ein Ergötzen, ja ein Vorführen der Unterschicht.

Aber war es das wirklich? Spira ließ den Menschen die Freiheit, sich zu inszenieren, wie sie wollten. Ob mit entblößter Wampe und großer Klappe am Wiener Nudistenstrand oder, später, bei den "Liebesgeschichten", mit Sommerkleid und Perlenkette.

Dass so mancher nicht abschätzen konnte, wie er auf dem Schirm rüberkommt, war wohl eingepreist. Doch das muss wohl auch in der Zeit gelesen werden: Denn schon wenige Jahre später, Anfang der Neunziger, zeigte das Privatfernsehen, allen voran RTL2, wie ein Bloßstellen wirklich aussieht. Erst dann zeigten sich die Unterschiede zwischen Spiras durchaus öffentlich-rechtlichem Zugang und dem uneingeschränkten Wüten eines hemmungslosen Fernseh-Boulevards.

Zurückgekehrtes Kriegskind

Der kritische Geist war Elizabeth Spira schon in Wiege gelegt. Sie wurde am 24. Dezember 1942 in Glasgow geboren. Ihr Vater Leopold Spira, der als Jude und Kommunist aus Österreich flüchten musste, war nach seiner Teilnahme am Spanischen Bürgerkrieg in Frankreich und England zeitweilig als "feindlicher Ausländer" interniert. Ihren ersten Vornamen (samt "z") verdankt Elizabeth Toni Spira der englischen Königin, ihr zweiter Name "Toni" war der Deckname ihres Vaters in der Illegalität. 1946 kehrte die Familie nach Österreich zurück. Ein Studium der Publizistik brachte sie zum "profil", später zum ORF ins Magazin "teleobjektiv", wo sie an der Seite des Regisseurs Robert Dornhelm ihre ersten Geschichten gemacht hat.

Ihren Namen machte sie sich zweifelsohne mit den "Alltagsgeschichten". 1997 bekamen diese mit den "Liebesg’schichten und Heiratssachen" einen Ableger. 22 Staffeln lang ließen sich mehr als 1000 Menschen von Spira -oft vor großem Publikum - vermitteln. Ein großer Teil des Erfolges gilt wohl auch ihrem Kameramann Peter Kasperak, der mit seinen fast schon dem Art-House-Kino entnommenen Tableaus die Stimmung genial einfing. Bei aller Schrägheit wusste Spira stets, Fingerspitzengefühl an den Tag zu legen. "Ich bin eine Fremde und trotzdem auch eine Bekannte. Ich weiß, wie man die Leute streicheln muss", sagte sie. Elizabeth T. Spira wurde 76 Jahre alt.