Wien. "Und so sehen wir betroffen, den Vorhang zu und alle Fragen offen!" Das von Marcel Reich-Ranicki für die Sendung "Das Literarische Quartett" abgewandelte Brecht-Zitat beschreibt ziemlich treffend das Ergebnis einer hochaktuellen Podiumsdiskussion im Wiener Wirtschaftsmuseum zum Thema Printmedien versus E-Paper. Das hat viel mehr mit der für eine Diskussion zur Verfügung stehenden Zeit zu tun als mit den Inhalten, die diskutiert wurden. Das Thema erweist sich immer mehr als medialer Gordischer Knoten, da immens viele Aspekte mithineinspielen und zu berücksichtigen sind.

Das beginnt beim Kampf der Qualitäts- gegen Boulevardmedien, wendet sich qualitätsfördernden Pressesubventionen und möglichen Finanzierungsmodellen zu, führt zur gesellschaftlichen Verantwortung Sozialer Medien, beobachtet Auswüchse der Desinformation und sorgt sich um den vielfach prognostizierten Verlust von Lese- und Medienkompetenz. Eine enorm vielschichtige Thematik, der sich Judith Belfkih, stellvertretende Chefredakteurin der "Wiener Zeitung", Friedhelm Frischenschlager, Verteidigungsminister a.D. und ehemaliges ORF-Kuratoriumsmitglied, sowie Udo Bachmair, Journalist, Medienberater und Präsident der Vereinigung für Medienkultur, unter der Leitung von Wolfgang Renner, Chef der Akademie der "Wiener Zeitung", am Dienstag zu stellen hatten.

Als glühender Printmedien-Anhänger, der mindestens fünf analoge Zeitungen täglich lesen muss, beschäftigt sich Frischenschlager natürlich regelmäßig mit der Frage, ob es ein "Artensterben" traditioneller Medien geben wird. Seine Erfahrung und Beobachtungen bestärken ihn jedoch, dass "Printmedien weiterhin bestehen werden". Nicht nur das, Frischenschlager verweist ebenfalls darauf, wieder "einen allgemeinen Trend zum Lesen und zu Zeitungen" ausgemacht zu haben. Eine Tendenz, die für ihn absolut essenziell ist, damit "eine parlamentarische Demokratie überhaupt funktionieren kann".

Ungefilterter Tsunami

Dieses zarte Pflänzchen muss sich aber erst gegen die schrecklichen Auswirkungen "des Tsunamis der gedruckten und elektronischen Boulevardmedien", wie es Bachmair formuliert, auf die Medienlandschaft behaupten. An diesen massiv veränderten Rahmenbedingungen "wachsen und scheitern Qualitätsmedien gleichzeitig", analysiert Judith Belfkih die aktuelle Herausforderung journalistischen Arbeitens. "Die nicht nur unproblematische Funktion des Journalismus als Gatekeeper ist durch die ungefilterte Informationslawine in Sozialen Medien ausgehebelt worden", so Belfkih weiter.

Dieser undifferenzierte Informationsfluss von Facebook, Google und YouTube hat eine Machtposition erlangt - auch durch die unbedingte Geschwindigkeit, wie Frischenschlager betont -, die Qualitätsmedien auf verlorenem Posten erscheinen lassen. Auch deswegen, weil Soziale Medien wie Gratisboulevardzeitungen Anzeigenbudgets sowohl von Unternehmen als auch - ein Skandal, wie Bachmair konstatiert - von Regierungsstellen lukrieren. Daher sei es nur verständlich, dass die Presseförderung neu überdacht werden muss. Hin zu mehr Unterstützung der Qualitätsmedien. Wobei Bachmair zu bedenken gibt, "welche Institutionen oder Personen dann zu entscheiden haben, was hat Qualität, was nicht". Daher wird es langfristig bedeutsam sein, Allgemeinwissen und Medienkompetenz zu steigern, gibt sich Frischenschlager überzeugt. Das versucht er durch persönliche Aufklärung in Schulen. Damit zumindest ein paar Fragen weniger offen bleiben.