Wien. Die Zeiten des Frontalunterrichts, in denen der Lehrer Dinge mit der Kreide an der Tafel erklärt, sollen bald der Vergangenheit angehören. Zumindest, wenn es nach dem Willen der Bildungsminister geht. In den Industrienationen werden Milliarden in die Digitalisierung von Bildung gesteckt. In Deutschland stellt der Bund im Rahmen des Digitalpakts fünf Milliarden Euro zur Verfügung, unter anderem für die Anschaffung mobiler Geräte.

In den Niederlanden sorgten die Steve-Jobs-Schulen für Aufsehen, wo Schüler statt mit Büchern mit dem iPad lernen. Google hat in den USA in den vergangenen Jahren heimlich das Klassenzimmer erobert - mit Low-Cost-Laptops wie dem Chromebook, das auf Googles Betriebssystem läuft. Apple unterstützt weltweit 400 Bildungseinrichtungen, sogenannte Apple Distinguished Schools, mit digitalen Lerntechnologien. Facebook hat indes eine eigene Lernplattform lanciert, auf der 75 kostenlose Online-Kurse angeboten werden. Und im erzkonservativen Mormonenstaat Utah hat eine staatliche geförderte "Online-Only"-Vorschule eröffnet, wo schon Vierjährige computergestützten Unterricht erhalten. Doch ausgerechnet im Silicon Valley, wo die digitalen Lernwerkzeuge entwickelt werden und die Bildungsrevolution ausgerufen wird, findet nun ein Umdenken statt.

Mitarbeiter großer Tech-Konzerne wie Google, Apple und Yahoo schicken ihre Kinder vermehrt an Schulen, die auf eine technologiefreie Lernumgebung setzen. Waldorf-Schulen erleben im Silicon Valley gerade einen Boom. Die Canterbury Christian School in Los Altos, der Nachbargemeinde von Moutain View, dem Sitz von Google, kann sich vor Anmeldungen kaum retten - nicht wegen der Bibelverse, die dort jeden Morgen zitiert werden, sondern weil Laptops, Tablets und Smartphones aus dem Klassenzimmer verbannt werden. Die gut verdienenden Programmierer und Entrepreneure haben die Sorge, dass digitale Technologien die Konzentrationsfähigkeit und Entwicklung ihrer Kinder nachhaltig beeinträchtigen.

Süchtig wie nach Crack

Der ehemalige "Wired"-Chefredakteur Chris Anderson und heutige Chef des Drohnenherstellers 3D Robotics sagte, Bildschirme stünden auf einer Skala von Süßigkeiten bis Crack und Kokain eher bei Letzterem. Der Ex-Google-Ingenieur Tristan Harris warnt mit seiner Bewegung Time Well Spent vor den Suchtgefahren von Apps. Die Apps seien so designt, dass sie mit Belohnungsmechanismen an den Dopamin-Rezeptoren im Gehirn andocken und abhängig machen. Der deutsche Psychiater und Bildungsforscher Manfred Spitzer vertritt diese These schon seit Jahren - für seine selektive Studienauswahl wurde er häufig kritisiert.