Die kleinen Geschwister sind verwöhnte Nervensägen, die großen schadenfrohe Drangsalierer, und die in der Mitte sind sowieso der ewige Sandwich-Belag. So die beliebten Narrative, je nach dem, durch welche Geschwister-Brille man blickt. Wer mit Brüdern oder Schwestern gesegnet ist, der weiß sie ab und an auch zu verfluchen. Doch was sich neckt, das liebt sich ja bekanntlich auch. Oder geht sich im Erwachsenenalter bis auf wenige obligate Familienfeiern an hohen Feiertagen endgültig aus dem Weg. Im nietzscheanischen Sinn aufeinander zugeworfen, teilen mache ein unzerreißbares Band der Eintracht, andere bloß das Erbgut. Eins steht jedenfalls fest: Geschwisterbeziehungen sind so vielfältig, wie sie komplex sind.

Davon zeugt etwa Anton Tschechows Drama und Fixum im Theaterkanon "Drei Schwestern" aus dem Jahr 1901. Die titelgebenden Figuren Irina, Mascha und Olga leben zusammen mit ihrem Bruder Andrej in einer russischen Provinzstadt. Doch der Traum, eines Tages nach Moskau zurückzukehren, ist groß - besonders für Irina, die Jüngste. Im Abstand von jeweils einem Jahr zeigen die vier Akte des Stücks amouröse Verflechtungen und wachsende Desillusionierung. Zwischen Konflikten im Kleinen herrscht der unüberwindbare Gleichklang im Großen. Dass die pathologische Passivität der Charaktere und ihre verschobene Realitätswahrnehmung der ersehnten großen Veränderung im Weg stehen, darin liegt die komische Ironie Tschechows.

2017 modelt Simon Stone am Theater Basel mit seiner Inszenierung (Sa., 21.00, 3Sat) Tschechows Stück kompromisslos zur knallharten zeitgenössischen Gesellschaftssatire um. Kein provinzielles russisches Landgut, stattdessen ein verglastes Holzhaus als Feriendomizil. Irinas (Liliane Amuat) Hoffnungsschrei lautet nicht mehr: "Nach Moskau!" Sehnsuchtsort ist nun Berlin. Doch auch da will man eigentlich schon gar nicht mehr hin, habe man doch so ziemlich alles schon erlebt. So profan das Setting scheint, so erbarmungslos lässt Stone seine Charaktere um Themen wie Ehebruch, Verrat, Gewalt und Sucht kreisen. Und auch das Haus auf der Bühne bewegt sich ständig und gewährt damit Einblicke in immer neue Konflikte, bis die unter Spannung stehende Blase des Alltäglichen schließlich platzt.

Egal, ob es einen nach Moskau, Berlin oder sonst wohin zieht, man kommt sich ja doch nicht aus. Die drei "Brüder" (So., 17.00, ORFIII) Ludwig (Wolfgang Böck), Ernst (Erwin Steinhauer) und Adrian Stadler (Andreas Vitásek) haben es mit aller Kraft versucht. Doch am Sterbebett der Mutter stehen sie sich schließlich wieder gegenüber.

Eine Wuchtel nach der anderen

Einen Vater haben sie nie kennengelernt. Nach dem Ableben der Mutter machen sie sich daher auf die Suche und plumpsen von einer Wuchtel in die nächste. Schließlich finden sie heraus, dass sie eigentlich Halbgeschwister und mit einem von ihnen sogar biologisch überhaupt nicht verwandt sind. Ins Gewicht fallen solche Spitzfindigkeiten nach ihrer absurd-grotesken Reise allerdings längst nicht mehr - Brüder sind sie allemal.

Unter allen Geschwisterbeziehungen sind es vor allem Zwillinge, die ein ganz besonderes Band teilen, so sagt man. Die Doku "Die geheime Welt von Zwillingen" (So., 21.15, ServusTV) geht diesem Phänomen auf den Grund. Da gibt es zum einen die Zwillingsgeschwister Millie und Daisy, die gemeinsam aufwachsen. Sie mögen dieselben Unterrichtsfächer und bekommen ungefähr dieselben Noten. Dieses Merkmal, das bei vielen Zwillingspaaren zu finden ist, brachte Wissenschaftler zu dem Schluss, dass die DNS zu einem Drittel für die menschliche Intelligenz verantwortlich zeichnet. Zugleich sei aber die Tatsache, dass Zwillinge viele Interessen und Verhaltensweisen teilen, zu einem gewissen Grad auf die gemeinsame Zeit im Mutterleib zurückzuführen.

Das würde auch erklären, warum die Zwillinge Anais Bordier und Samantha Futerman trotz 26-jähriger Trennung und Leben auf unterschiedlichen Kontinenten starke Gemeinsamkeiten aufweisen, etwa beim Geschmack, bei ihren Interessen oder in ihren Persönlichkeiten. Bordier wurde kurz nach ihrer gemeinsamen Geburt von einer französischen Familie adoptiert und fand zufällig heraus, dass Futerman ihre Zwillingsschwester ist, weil sie sie in einem YouTube-Clip gesehen hat. Die Doku erzählt einige Zwillingsgeschichten, die erstaunen und verblüffen.