"Menschen, die konsequent ihre Überzeugungen leben, erleiden oft eine ganz außergewöhnliche Einsamkeit", sagte Brit Marling in einem Interview mit dem "Guardian". Das war 2013 und Marling hatte da gerade mit mehreren Filmen das Sundance Festival, eine der größten Bühnen für Independent-Produktionen, aufgemischt. 2016, mit der Netflix-Serie "The OA", deren zweite Staffel kürzlich erschien, wurde die Independent-Autorin und -Darstellerin erstmals auch einem breiten Fernsehpublikum bekannt. Die Serie, die das "Time"-Magazin völlig zu Recht als die "mysteriöseste im Netflix-Universum" beschrieb, portraitiert eine "Original Angel (OA)" genannte Frau (gespielt von Marling selbst), die entdeckt, wie man zwischen Dimensionen und damit auch zwischen Versionen seines eigenen Lebens reisen kann.

Marling bereitet sich gerne intensiv auf ihre Rollen vor. Für den Thriller "The East" hatte sie sich mehrere Wochen der "Freegan"-Szene angeschlossen. Diese Menschen versuchen, mit möglichst wenig Ressourcen auszukommen. Sie schlafen im Freien oder im Zelt und ernähren sich aus Mülltonnen. Eines Nachts, so erzählt sie, hatte sie auf dem Dach eines Hauses übernachtet. Als sie morgens ihren Schlafsack zusammenrollte, betrat im gläsernen Hochhaus gegenüber gerade ein Mann im feinen Anzug das Büro. "Da waren räumlich vielleicht ein paar Meter zwischen uns, aber die Distanz erschien mir unendlich."

Dabei hätte Marling gut und gerne auch auf der anderen Seite der Glasscheibe landen können. Denn obwohl der 1982 in Chicago geborenen Amerikanerin schon in der High School klar war, dass sie Künstlerin werden will, entschloss sie sich auf Drängen ihrer Eltern zu einem Wirtschaftsstudium an der privaten Georgetown University in Washington. Marling brillierte an der Uni, hielt sogar die Abschlussrede bei der Graduierung. Nach einem Praktikum bei Goldman Sachs als Investment-Analystin bot man ihr eine fixe Stelle an. Doch Marling sagte zum Entsetzen ihrer Eltern ab und ging lieber mit ihrem Studienkollegen und späteren Regisseur Zal Batmanglij ein Jahr nach Kuba, um für ihren gemeinsamen Film "Boxers and Ballerinas" zu recherchieren.

Ohne Geld nach Hollywood

2005 kehrten die beiden in die USA zurück und gingen nach Hollywood. "Ohne Geld, ohne Kontakte, ohne Plan", wie Marling in einem Interview erzählt. Ihr ging es wie vielen blonden Frauen, die nach Hollywood wollen: Ihr wurden Rollen als Opfer in Horror-Produktionen angeboten. "Die wollten, dass ich in Panik vor Männern mit Motorsägen davonlaufe", erzählt Marling amüsiert. Obwohl sie dringend Geld brauchte, lehnte Marling die Rollen ab und entschied, lieber eigene Projekte zu verfolgen. "Ich wollte mich nicht in typischen Drehbüchern sehen, daher musste ich selbst Filme schreiben, in denen ich mich anders präsentieren kann", sagte sie dem "Guardian". Ihr Talent erregte die Aufmerksamkeit von Hylda Queally, die schon vielen bekannten Schauspielerinnen Kate Winslet unter die Arme gegriffen hat.

Marling schrieb Filme wie "Sound Of My Voice" oder "Another Earth", die von Batmanglij inszeniert wurden. Beide Produktionen liefen 2011 beim Sundance Film Festival. 2012 spielte sie Richard Geres Tochter in "Arbitrage". In "The East" hatte sie die Hauptrolle an der Seite von Ellen Page und Alexander Skarsgård. Auch hier führte Zal Batmanglij Regie und Marling schrieb Teile des Drehbuchs.

Doppelrolle als Autorin

Diese Doppelrolle als Autorin und Drehbuchschreiberin sollte auch bei "The OA" zum Erfolg führen. Die eben gestartete zweite Staffel ist ein furioses Stück Mystery-Fernsehen. "The OA" gilt als eine der ersten Autorinnen-Serien, an die sich Netflix heranwagte. Die Hauptrolle der Prairie Johnson zeigt eine starke, junge Frau, die sich auch in Jahren der fortlaufenden Tortur als Gefangene im Keller eines wahnsinnigen Forschers nicht hat brechen lassen. Sie macht den einzig möglichen Ausweg zur Fluchtroute: die Reise in eine parallele Dimension. Marling sagt, es habe sie schon als Kind gestört, dass sie im Kino nie jene Frauen gesehen hat, die sie auch im Alltag sieht: "Das hat mich immer darin bestärkt, entschlossene, starke Frauenrollen zu spielen. Auch als Vorbild für meine jüngere Schwester."

Spiegelbild dessen ist wohl auch Marlings Twitter-Account, auf dem sie über ihre Schlaflosigkeit oder nächtliche Wanderungen durch L.A. schreibt. Was dabei Rolle und was Realität ist, bleibt, wie so oft in Hollywood, offen.