"All business is local" lautet eine alte Weisheit in der Geschäftswelt. Damit gemeint ist, dass es zwar globale Absatzmärkte gibt, aber Gewinne vor Ort erwirtschaftet werden. In der Internetökonomie galt dieser Satz nicht viel, schließlich ist das World Wide Web ein Medium, das Distanzen und Räume überwindet. Ob man eine Spiele-App von München oder Mumbai aus programmiert, ist egal. Die globale Digitalwirtschaft setzt vor allem auf Netzwerkeffekte.

Facebook-Chef Mark Zuckerberg beschwört mantrahaft die Vision einer "globalen Community", in der sich Menschen aus der ganzen Welt vernetzen. Eingedenk des Diktums "All business is local" ist Facebook in jüngster Zeit dazu übergegangen, stärker lokale Märkte zu berücksichtigen. Im Jänner 2018 hat der Konzern erneut seinen Newsfeed-Algorithmus modifiziert, um lokale Nachrichten zu priorisieren. Komplementär zu dieser Strategie finanziert Facebook wie auch Konkurrent Google mit 300 Millionen Euro lokaljournalistische Projekte.

Babysitter und Fahrrad finden

Die Journalismusförderung ist nicht ganz uneigennützig: Nach den Skandalen um Datenlecks und Fake-News benötigt das soziale Netzwerk seriöse Inhalte, um seine Nutzer bei der Stange zu halten. Engagement, sprich Klicks und Likes, funktionieren am besten mit Themen und Ereignissen, die in der unmittelbaren Umgebung des Nutzers stattfinden.

Das soziale Netzwerk Nextdoor setzt schon länger auf diesen Nachbarschafseffekt. Das Prinzip ist ähnlich wie bei Facebook, nur mit einem starken regionalen Filter. Zunächst meldet man sich mit Klarnamen und Wohnadresse an. In einer Art Newsfeed (das Interface ist fast eine Kopie von Facebook) erfährt der Nutzer Neuigkeiten aus seiner direkten räumlichen Umgebung: Veranstaltungen wie Flohmärkte, Sicherheitstipps, Meldungen über Einbrüche, Kaufangebote und Kaufgesuche, etwa Jugendfahrräder oder Motorradstiefel. Auf einer Karte sind mit grünen Punkten diejenigen Bewohner aus den umliegenden Straßen verzeichnet, die auf Nextdoor registriert sind; mit ihnen kann man per Direktnachricht in Kontakt treten. Man findet Kinderärzte, Babysitter oder Klavierlehrer. In einem Fundbüro können verloren gegangene oder vermisste Gegenstände gemeldet werden. Nextdoor ist eine Mischung aus Branchenverzeichnis, Kontaktbörse, Schwarzem Brett und eBay-Kleinanzeigen.

2008 in San Francisco gegründet, hat die hyperlokale Online-Community in den Vorjahren kontinuierlich expandiert. Seit 2017 ist der Dienst in Deutschland verfügbar, 2018 folgten Frankreich, Italien und Spanien. Nextdoor ist mittlerweile in 165.000 Nachbarschaften präsent. Zwar hat dieses Netz auf den europäischen Märkten, wo es auf Konkurrenzportale wie nebenan.de oder mesvoisins.fr trifft, noch nicht den Durchdringungsgrad wie auf dem US-Markt - dort liegt er bei 70 Prozent. Auch kann die Plattform mit rund 17 Millionen Nutzern nicht mit der großen Schwester Facebook (mehr als zwei Milliarden Mitglieder) mithalten. Doch besetzt Nextdoor eine lukrative Nische.