Istanbul. In der Türkei hat sich seit dem gescheiterten Putsch im 2016 auch für die Medien vieles geändert. Die Regierung brachte viele Zeitungen und Rundfunksender unter ihren direkten oder indirekten Einfluss. Viele Journalisten sind im Gefängnis oder stehen vor Gericht.

Die vier Auslandssender Deutsche Welle (DW), BBC, France24 und Voice of America (VOA) wollen die Berichterstattung in türkischer Sprache wieder vielseitiger werden lassen. Sie haben einen neuen türkischsprachigen YouTube-Kanal gestartet. Repräsentanten der vier internationalen Auslandssender, unter ihnen DW-Intendant Peter Limbourg, stellten das Angebot am Montag in Istanbul vor und schalteten den Kanal mit dem Namen +90 auch gleich frei.

Das gemeinsame Angebot soll Nutzern in der Türkei und weltweit Hintergrundberichte, Interviews und Reportagen zum gesamten Spektrum gesellschaftspolitischer Themen bieten. Eine Programm-Managerin der Deutschen Welle in Berlin koordiniert und kuratiert die von den einzelnen Sendern unabhängig produzierten Beiträge. Pro Woche wird es zunächst drei neue Videos geben. Zehn sind bereits hochgeladen.

"Wir haben alle zusammen gemerkt, dass die Sprachlosigkeit zwischen der Türkei und unseren Ländern zugenommen hat. Auch, dass in der Türkei Populismus und Nationalismus nach vorne gebracht werden und dass die Pressefreiheit in Gefahr ist, um es mal vorsichtig auszudrücken", sagte DW-Intendant Peter Limbourg der Deutschen Presse-Agentur am Montag.

Der Kanal solle eine zusätzliche Möglichkeit für unabhängige Berichterstattung und Diskussion bieten. "Wir werden nicht alle kritischen Stimmen, die weggefallen sind, ersetzen können, aber wir hoffen, dazu beitragen zu können, eine Pluralität der Meinungen zu garantieren", sagte Limbourg. Die Deutsche Welle hat für das Angebot vom Deutschen Bundestag nach Angaben des Intendanten eine Anschubfinanzierung von fünf Millionen Euro für zwei Jahre erhalten.

Zur Premiere waren zum Beispiel eine BBC-Serie über die Arbeitslosigkeit unter türkischen Hochschulabsolventen und eine DW-Reportage über die Krise in der Bauwirtschaft online, außerdem ein Beitrag darüber, wie Istanbul zur Betonwüste zu werden droht. (apa/dpa)