Wien. Im Jahr 1990 sagte der damalige Telekom-Chef Ron Sommer: "Das Internet ist eine Spielerei für Computerfreaks, wir sehen darin keine Zukunft." Fünf Jahre später prophezeite Microsoft-Gründer Bill Gates: "Internet ist nur ein Hype." Wie man sich doch irren kann! Egal, ob Streaming oder Online-Shopping - das Internet ist aus dem Alltag vieler Menschen nicht mehr wegzudenken. Trotz Breitbandausbau und schnellem Internet ist noch immer fast die Hälfte der Menschheit offline. Hatte 1995 gerade einmal ein Prozent der Weltbevölkerung einen Internetanschluss, waren es nach Angaben der International Telecommunication Union (ITU) Ende 2018 nur 51,8 Prozent, rund 3,9 Milliarden Menschen. Weite Teile Indiens oder Afrikas sind ein weißer Fleck.

Technologiekonzerne wollen das ändern: Der Online-Händler Amazon plant in den nächsten Jahren ein weltumspannendes Satellitennetz zu installieren, um entlegene Erdteile mit Internet zu versorgen. Im Rahmen des "Projekts Kuiper" (der Kuiper-Gürtel ist eine entlegene Region im Sonnensystem) sollen über 3000 Satelliten in das Weltall geschossen werden. Einen entsprechenden Antrag bei der US-Kommunikationsbehörde FCC hat der Konzern laut Medienberichten bereits gestellt. Die Satelliten, die in 590 bis 630 Kilometern Höhe um die Erde kreisen, sollen eine Drahtlosverbindung zwischen dem 56. nördlichen Breitengrad und dem 56. südlichen Breitengrad herstellen - in dem Gürtel leben 95 Prozent der Weltbevölkerung.

Amazon-Gründer Jeff Bezos hat eine große Weltraumaffinität: Mit seiner Raumfahrtfirma Blue Origin will er Touristenflüge ins All anbieten. Doch die Konkurrenz ist groß: Das Raumfahrtunternehmen SpaceX von Tesla-Gründer Elon Musk hat im vergangenen Jahr zwei Satelliten ins All befördert. Im Rahmen des Projekts Starlink will der Technikvisionär ebenfalls entlegene Regionen mit Breitbandinternet versorgen. Die Genehmigung für 4000 weitere Satelliten hat er bereits. Das US-Teleko-Unternehmen OneWeb hat erst im Februar sechs Internet-Satelliten ins All geschossen.

Alles aus eine Hand

Google versucht derweil mit seinem Project Loon, Internetsignale per Heißluftballons in abgelegene Gebiete und Katastrophenregionen der Erde zu senden. Nach dem Hurrikan Maria 2017 versorgten die Ballons 100.000 Bewohner auf Puerto Rico mit High-Speed-Internet. Die Entwicklung des Projekts wurde in der Vergangenheit allerdings häufig zurückgeworfen. Immer wieder stürzten die Ballons ab, unter anderem über einem Feld in Kenia. In einem Patentstreit musste die Google-Schwester vor Gericht eine Niederlage hinnehmen. Facebook hat im vergangenen Jahr sein Internetdrohnenprojekt Aquila eingestellt. Trotz Pannen und Rechtsstreitigkeiten gibt Google sein Ballon-Internet aber nicht auf.

Die technologischen Bemühungen haben einen Grund: Die Offline-Community ist ein riesiger Wachstumsmarkt. In Südamerika, Afrika und Asien warten über drei Milliarden Kunden. Und die könnten alle bei Amazon bestellen und Serien streamen. Der Online-Riese setzt daher alles daran, diese Menschen ans Netz zu bringen. Prime Video könnte beispielsweise satellitengestützte Streaming-Dienste in entlegenen Regionen anbieten, womit sich der Online-Riese einen Vorsprung gegenüber Netflix erarbeiten könnte. Denn die Datenverbindung, die Amazon per Satellit herstellt, wird der Konzern prioritär für eigene Dienste verwenden.

Zwar hat der Rivale SpaceX durch die Schwerlastrakete Falcon Heavy, welche die Internet-Satelliten als Fracht transportiert, einen strategischen Vorteil. Amazon verfügt jedoch mit der an seine Cloud-Sparte angedockten AWS Ground Station über eine eigene Bodenstationsinfrastruktur und Know-how in der Verarbeitung von Satellitendaten, sodass es diesen Vorsprung neutralisiert. Insofern ist es nur konsequent, dass der Online-Händler auch eigene Satelliten ins Weltall schießt. Internet-Providern erwächst daraus Konkurrenz, zumal Technologiekonzerne auch zunehmend in teure Seekabel investieren, durch deren Glasfaserleitungen Daten um den Globus gejagt werden.

Das Ziel der Plattformökonomie ist es, ein Ökosystem aufzubauen, das der Nutzer niemals verlassen muss: Man diktiert Alexa morgens den Einkaufszettel, überwacht sein Zuhause, speichert seine Dokumentenentwürfe in der Cloud und streamt abends Prime-Serien. Das Satellitennetz sendet derweil Daten aus dem Smartphone an die Rechenzentren und stellt die Navigation der Lieferdrohnen sicher. Plattform, Netze, Cloud, Datenleitungen - alles in einer Hand. Noch ist das Zukunftsmusik. Doch in ein paar Jahren könnte Amazon zum Netz-Anbieter avancieren.