Dieses Jahr ist alles anders. Denn diesmal hat ein Weltstar die Nachrichten im Vorfeld des Song Contests gekapert. Das war eigentlich ein bisschen gemein von Madonna, aber es passt natürlich zu ihrem popstargewordenen Egotrip, dass ihr herzlich egal ist, dass es an diesem einen Abend einmal um andere gehen sollte. Oder, sind wir uns ehrlich, eher um anderes. Zum Beispiel: Wer hat die meisten Windmaschinen? (Serbien.) Wer hat am meisten abgekupfert? (Zypern, allerdings vom eigenen Vorjahres-Beitrag.) Wer ist der bizarre Erbe der Monster von Lordi? (Island mit grunzendem Metal in schimmerndem Latex.) Und wer setzt am plakativsten auf die Bedürfnisse der diversitätsaffinen Partyzielgruppe? (Frankreich mit androgynem Langhaarsänger plus dicker Ballerina.)

Aber wenn heuer ohnehin alles anders ist, dann könnte ja auch einmal bei diesem europäischen Wettbewerb einfach ein komplett anderer Kontinent gewinnen. Australien hat heuer tatsächlich den konkurrenzlos spektakulärsten Auftritt zu verbuchen, eine furchtlose Sängerin, die in schwindelnder Höhe auf einer Stelze wogt - mit ihrem fröhlichen Scheitern an allerlei Koloraturen gibt sie damit der Phrase "schreit wie am Spieß" eine ganz neue optische Dimension. Erst von den Buchmachern schmählich hintangereiht, sind die Gewinnchancen kurz vor dem Finale am Samstag (21 Uhr, ORF1, ARD) für die Australierin drastisch gestiegen.

Zumindest keine Verwechslungsgefahr ist heuer gegeben mit Austria. Denn der heimische Beitrag hat es am Donnerstag Abend gar nicht ins Finale geschafft. Grundsätzlich lag Paenda mit ihrem höhepunktlosen Wimmerlied "Limits" eigentlich im Trend des Song Contests 2019, in dem vor allem das ereignislose Konfektionspop-Wabern dominiert. Der Österreicherin haben die blauen Haare und die Tatsache, dass sie im Unterschied zu vielen anderen die - sehr hohen - Töne anstandslos getroffen hat, keinen Vorteil im Tal des Vergessens der musikalischen Belanglosigkeit verschafft.

Apropos: Mit einer besonders seelenlos glatten Nummer aus dem Komponier-Computerprogramm meint es Russland heuer wieder besonders ernst. Dass der Sänger - er meinte es übrigens schon vor drei Jahren beim Song Contest in Schweden sehr ernst - mitten im Lied voll bekleidet in eine Duschkabine steigt, mag freilich ein schlechtes Omen sein. Die Dame aus "Psycho" kann ein Lied davon singen. Trotzdem zählt Sergey Lazarev zu den Favoriten. Auf dem ersten Platz sehen die Wettbüros freilich seit Wochen unverändert Hollands Duncan Laurence mit dem wahrscheinlich einzigen Song des Jahres, der einen eingängigen Refrain hat.

Die größte Konkurrenz kommt aus Schweden: John Lundvik liefert seine beste Lionel-Ritchie-
Parodie ab und wird dann auch noch von gutgelaunten, fülligen Damen in Pailletten gospelig begleitet. Außenseiterchancen könnte die Schweiz haben, die mit einem muskulösen jungen Mann (DSDS-Gewinner Luca Hänni) und roten Blitzen auf der Videowand recht effektiv aus der Ursuppe der Eintönigkeit zwischen Weißrussni Spears und hüpfenden Tschechen in bunten Sweatshirts aufweckt.

Geheimtipp für Abwegige: San Marino. Erstens hat sich das Land, das es angeblich gar nicht gibt und das nur für den Song Contest jährlich eine Show-Existenz vortäuscht, erfolgreich aus den Fängen des Tralala-Produzenten Ralph Siegel befreit, der den Fakestaat verlässlich von Niederlage zu Niederlage geführt hat. Zweitens ist der Nonsens-Nanana-Auftritt des türkischen Zahnarztes Serhat, der klingt, als hätte er eine Laryngitis besser ausheilen lassen sollen, erfrischend anachronistisch banal-schlecht.

Apropos schlecht: Wer seinen Song-Contest-Abend in Gesellschaft deutscher Mitmenschen zu verbringen gedenkt, sollte je nach Empathiefähigkeit gut ausgerüstet sein. Entweder mit fröhlichen Loser-Girlanden oder mit einer großen Flasche Schnaps: Der deutsche Beitrag ist so sensationell schlecht, der landet vielleicht sogar noch hinter Österreich - obwohl Österreich schon ausgeschieden ist.