Wien. Ein kulturelles Vollprogramm, werbefrei, das ist keine Selbstverständlichkeit, sondern ein Triumph des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Wie es hinter den Kulissen des Senders Ö1 zugeht, verraten Jakob Brossmann und David Paede in ihrer Doku "Gehört, Gesehen" (derzeit im Kino) - und bieten dabei so manch überraschende Einsicht.

"Wiener Zeitung": Wie findet man für ein an sich bildloses Medium die richtigen Bilder für einen Kinofilm?

David Paede: Als Dokumentarfilmer lassen wir uns von unserer Neugierde leiten und begeben uns an Orte und in Situationen, die für die Öffentlichkeit nicht zugänglich sind. Und da gibt es gerade bei einem bildlosen Medium viel zu entdecken. Einerseits die Gesichter zu den bekannten Stimmen, die förmlich zu strahlen beginnen, wenn sie On-Air gehen. Andererseits die beeindruckende Architektur des Funkhauses, in dem viele Generationen an Mediengeschichte ablesbar sind.

Jakob Brossmann: Was uns am Beginn überrascht hat, ist, wie intensiv die Radiomacher visuell miteinander kommunizieren, wenn sie an Sendungen arbeiten. Es ist nicht nur ein Ort voller spannender Geschichten und Klänge, sondern auch eine visuelle Entdeckungsreise.

Welche Hindernisse gab es auf dem Weg zum Film zu überwinden? Wie leicht wurde Ihnen der Zugang zu den Interna des ORF gemacht?

Brossmann: Ö1-Senderchef Peter Klein war sofort begeistert, als wir auf ihn zukamen. Als jemand, der selbst viele Radio-Features gemacht hat, hat er gut verstanden, dass wir unabhängig und selbständig drehen und vor allem schneiden müssen. Und dass das Projekt nur Sinn macht, wenn der Sender unseren Blick auch in schwierigen oder sogar schmerzlichen Momenten zulässt. Wir mussten uns zu Beginn auch einigen sehr kritischen Fragen stellen - immerhin ist das eine Gruppe von berufsbedingt kritischen Menschen. Aber sie haben uns ihr Vertrauen geschenkt und wir konnten frei recherchieren und drehen. Es war sicherlich auch eine interessante Erfahrung für die Radiomacher, sich nun einmal auf "der anderen Seite" zu befinden. Sie haben öfter formuliert, der Film sei ein Spiegel für sie - schon der Dreh hat interessante Reflexionsprozesse angeregt.

Man wird im Film auch Zeuge von internen Feedback-Sitzungen der Redaktion und vom Hadern mit dem eigenen Anspruch.

Paede: Es war für uns essenziell, die Geschichte einer Entwicklung zu erzählen. Es geht uns nicht nur darum, in die Welt eines Qualitätsmediums einzutauchen, sondern auch darum, die spannende Geschichte zu erzählen, wie sich dieser Sender den Veränderungen in der Medienwelt stellt. Welche Gedanken sich die Menschen zu ihrem Auftrag machen und wie sie versuchen, diese zu erfüllen. Ein großes Medium, dass einen solchen Anspruch hat, ist eigentlich immer in Veränderung. Und in schwierigen Zeiten sind diese Veränderungen besonders notwendig und besonders groß. Und bei jeder Veränderung kommt es auch zu Konflikten.