Villanelle ist ein Workaholic. Ein Arbeitstier, durch und durch. Sie möchte ihren Job nicht gut, sondern ausgezeichnet machen. Das Resultat soll nicht befriedigen, sondern begeistern. Vor allem sie selbst. Denn nichts ist öder für einen Freigeist als der Dienst nach Vorschrift.

Auch in ihrem Metier.

Villanelle ist Auftragskillerin, die anbetungswürdigste, die das Fernsehen derzeit zu bieten zu hat, sofern diese Berufsgruppe angebetet werden darf.

Phoebe Waller-Bridge. - © afp/Venance
Phoebe Waller-Bridge. - © afp/Venance

Villanelle, gespielt von der Britin Jodie Comer, in der Serie "Killing Eve" wird es jedenfalls. Ihr Konterfei wird in Siebdruck-Optik an die Wände Londons gesprayt. Ihr Kleidungsstil von Kleinkindern zu Halloween nachgeahmt. Ihr maliziöses Lächeln von jungen Frauen auf Instagram zur Schau gestellt.

Verstörend eigentlich.

Denn Villanelle ist eine Psychopathin. Reue, Scham oder Mitgefühl sind ihr fremd. Das stellt sie Folge um Folge unter Beweis. Mal lässt sie einen schmierigen Ehemann wie ein ausgeweidetes Tier im Schaufenster eines Amsterdamer Bordells vom Haken baumeln, mal füllt sie die Lungen eines chinesischen Generals mit Kohlenstoffmonoxid, während sie ihm in einer Berliner SM-Klinik die Hoden abklemmt, mal sticht sie einem grapschenden Opa in der Toskana mit ihrer Haarnadel das Auge aus.

Dabei immer schlagfertig, witzig und euphorisch. Sie weiß ein gutes Gemetzel zu schätzen, allein der Ästhetik wegen. Eine Frau, die Haute Couture trägt, achtet eben auf ein gewisses Farben- und Formen-Arrangement. Motiv hat Villanelle keines. Sie operiert auf Werkvertragsbasis.

Als Zuschauerin ist es befremdlich befreiend, ihr bei der Arbeit zuzusehen. Da ist eine junge Frau, die sich um nichts schert, außer ihr Potenzial so zu entfalten, wie sie es für richtig hält.

Kein Katz-und-Maus-Spiel

Im Grunde ist Villanelle eine unsentimentale Karrieristin. Eine, die hierarchische Strukturen schon einmal mit einem Kopfschuss löst, nur weil ihr das affektierte Gehabe ihres stumpfsinnigen Vorgesetzten aufstößt, die Psychologen auslacht, die sie auf ihre Empathie abklopfen, und Familienväter gelangweilt den Hals umdreht, wenn sie sich kurz vor ihrem Tod auf ihre Kinder zu besinnen, nur weil sie glauben eine Frau ließe sich mit so etwas erweichen.

Gejagt wird Villanelle von Eve Polastri, einer tollpatschigen Schreibtischbeamtin des britischen Geheimdiensts, die ein Faible für Psychopathinnen hat. Polastri, gespielt von Sandra Oh, verfolgt die Auftragskillerin quer durch Europa. Schnell wird klar: Das hier ist mehr als nur ein Katz-und-Maus-Spiel. Da haben sich zwei gefunden. Auf allen Ebenen.