Hamburg. (bau) Es ist eine Binsenweisheit, dass Berichte im Internet mit einer gehörigen Portion Quellenkritik gelesen werden müssen. Immerhin kann ja jeder ohne vorherige Kontrolle publizieren, was er möchte. Insofern ist es fast eine Ironie der Geschichte, dass es ausgerechnet der immer noch durch die erfundenen Texte seines Ex-Redakteurs Claas Relotius gebeutelte "Spiegel" war, der jüngst eine besonders dreiste Bloggerin enttarnte. Ein "Spiegel"-Bericht wies der preisgekrönten Holocaust-Bloggerin Fakes nach: Die Autorin soll für sich selbst eine jüdische Familiengeschichte erfunden haben.

Die in Irland lebende deutsche Historikerin Marie Sophie Hingst soll dem Nachrichtenmagazin zufolge sowohl in ihrem Blog "Read on my dear, read on" als auch dem Archiv der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem gegenüber falsche Angaben über ihre Abstammung gemacht haben.

Hingst war zur "Bloggerin des Jahres" 2017 gekürt worden. Das Team hinter dem Preis "Goldene Blogger" teilte auf Twitter mit, man habe die Preisträgerin um Stellungnahme gebeten und berate über eine Reaktion auf die Vorwürfe. Ein Sprecher von Yad Vashem sagte am Sonntag, man untersuche den Fall.

"Künstlerische Freiheit"

Über einen Anwalt ließ die 31 Jahre alte Hingst dem "Spiegel" zufolge mitteilen, dass die Texte ihres Blogs, der am Wochenende nicht mehr erreichbar war, "ein erhebliches Maß an künstlerischer Freiheit für sich in Anspruch" nähmen. Es handele sich um Literatur, nicht um Journalismus oder Geschichtsschreibung, zitiert der "Spiegel" die Stellungnahme weiter. Auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur äußerten sich Hingst und ihr Anwalt inhaltlich nicht. Hingst wolle den "Spiegel"-Bericht zunächst näher prüfen.

Nach "Spiegel"-Recherchen hat Hingst in Wirklichkeit keine nähere jüdische Verwandtschaft - obwohl sie in ihrem Blog und auch in Vorträgen immer wieder davon berichtet hatte. Außerdem habe sie bei der Gedenkstätte Yad Vashem mit dem Einreichen von sogenannten Gedenk- oder Opferbögen zu 22 angeblichen Verwandten den Eindruck erweckt, große Teile ihrer Familie seien im Holocaust umgekommen. Tatsächlich stammt sie aus einer evangelischen Familie, wie der "Spiegel" nach genealogischen Recherchen der Berliner Historikerin Gabriele Bergnerim im Stadtarchiv von Stralsund schreibt.

Nicht in Auschwitz

Ihr Großvater soll nicht, wie von ihr behauptet, Häftling im Vernichtungslager Auschwitz gewesen sein, sondern evangelischer Pfarrer. Von weiteren angeblich jüdischen Familienmitgliedern fanden sich demnach gar keine Spuren. Dem "Spiegel" zufolge hat der Oberbürgermeister Stralsunds bereits das Auswärtige Amt auf die Darstellungen in den Opferbögen hingewiesen und darum gebeten, die Gedenkstätte Yad Vashem offiziell zu informieren.

Die "Gedenkstätte der Märtyrer und Helden des Staates Israel im Holocaust" ist die bedeutendste Gedenkstätte, die an die nationalsozialistische Judenvernichtung erinnert und sie wissenschaftlich dokumentiert. Yad Vashem hat jährlich zwei Millionen Besucher.

Auch die "Zeit Online" überprüft derzeit, ob Hingst in einem Indien-Text aus 2017, wie Claas Relotius, Protagonisten erfunden hat. Die Rede ist von "Scheinidentitäten, falschen Zeugen und vermeintlichen Belegen".