"Ich bin gar nicht sicher, ob ich einen Liebhaber brauche, ob männlich oder weiblich. Manchmal denke ich mir, ich begnüge mich einfach mit fünf richtig guten Freunden." Das ist ein Zitat von Schriftsteller Armistead Maupin, mit dem die Essenz seiner beliebten Buchreihe recht pointiert auf den Punkt gebracht ist. Maupins bekanntestes Werk sind die "Stadtgeschichten", im Original "Tales of the City", und die erzählen in insgesamt neun Bänden von einer Gruppe von Freunden, die das Schicksal in einem typischen viktorianischen Haus San Franciscos zusammengeführt hat.

Die arglose Mary Ann Singleton zieht in den 1970er Jahren aus dem so behüteten wie langweiligen Cleveland, Ohio in die Stadt, die zu jener Zeit das Freiheitsversprechen per se ist: San Francisco. Sie kommt im Haus einer Vermieterin namens Anna Madrigal unter, die noch weitere Mieter hat, manche mehr, manche weniger mysteriös. Auch Anna Madrigal hat ein Geheimnis, das ein bisschen weiter geht als die geschickt getarnte Marihuanazucht in ihrem üppigen Stadtgarten. Am engsten freundet sich Mary Ann jedoch mit Michael an, einem so herzlichen wie schwulen Mann. Letzteres bedauert Mary Ann nicht nur einmal. Gut, dass es auch einen weiteren Mann im Haus gibt, er heißt Brian und ist sogar sehr hetero. Zu beiden Geschlechtern hingezogen fühlt sich Mitbewohnerin Mona Ramsey, die entspannt-eklektische Vertreterin der Hippiekultur. Was da so klingt wie eine der Diversitätsdebatte geschuldete Umschreibung der Sitcom "Friends", stellt sich tatsächlich als ein Pionierwerk der queeren Kultur dar. Denn ein Jahr, bevor Armistead Maupin 1974 begann, seine "Tales of the City" zu schreiben, galt Homosexualität in den USA noch als Geisteskrankheit.

Michael "Mouse" Tolliver (rechts, Murray Bartlett) ist ansehnlich gealtert und hat eine Romanze mit dem jüngeren Ben. - © Netflix
Michael "Mouse" Tolliver (rechts, Murray Bartlett) ist ansehnlich gealtert und hat eine Romanze mit dem jüngeren Ben. - © Netflix

Wohlfühlgarantie

Maupin beschreibt die schwule Subkultur San Franciscos der 70er und 80er Jahre in den Büchern so unterhaltsam wie tabulos, vor allem auch, was den Konsum von psychotropen Substanzen angeht. Er ist dabei nicht gerade jugendfrei, aber auch nie Angst einjagend. Was den "Stadtgeschichten" aber so viele Fans beschert hat, war nicht (nur) der Blick in diese bisher unbekannte, abgekapselte Welt. Denn in den Erzählungen gelang es Maupin, wahrscheinlich zum ersten Mal in der Belletristik, ein normales Neben- und Miteinander von allen sexuellen Orientierungen zu schildern. Weit weg von Ghettoisierung, unter der Schirmherrschaft einer weisen, aber lustigen Transgender-Frau (das ist, Spoiler, auch ein Geheimnis von Anna Madrigal). Das ganze in einem Umfeld, in dem man, gut, vielleicht nicht alle Abenteuer miterleben möchte. Aber in dem man sich als Durchschnittsleser wohlfühlt und gegen das ein oder andere Getränk auf Frau Madrigals lichtergesäumter Veranda der Sehnsucht mittrinken würde.

Es gab bereits Versuche, die Geschichten aus der Barbary Lane - so heißt die Straße, die Maupin in den Hügeln San Franciscos erfunden hat - zu verfilmen. Ihr Aufbau und Maupins cleverer, ohnehin sehr filmischer Umgang mit Cliffhangern macht sie nachgerade prädestiniert für eine Umsetzung als Serie. Drei der Bücher wurden denn auch in den Neunzigern und Anfang der 2000er als Miniserie verfilmt und sind für unsere Zeit der totalen Verfügbarkeit der noch so abwegigen TV-Produktionen erstaunlich schwer aufzutreiben.

San Francisco schnuckelig

Das ist schade, Laura Linney als Mary Ann und Olympia Dukakis als Anna Madrigal sind gut besetzt und wer sieht schon nicht gern Bilder aus den schnuckeligsten Ecken San Franciscos. Insofern war es nur eine Frage der Zeit, dass sich Netflix darangemacht hat, die "Tales of the City" für sein Serienportfolio aufzugreifen. Ab Freitag kann man die ganze Clique - die "logische Familie", wie sie Maupin in Abgrenzung zur "biologischen Familie" nennt - in zehn neuen Folgen auf dem Streamingdienst wiedersehen. (Die alten Folgen leider weiterhin nicht.) Dass diesmal nicht nur die offen lesbische Ellen Page die Rolle von Mary Anns Tochter Shawna übernommen hat und dass alle Autoren der Drehbücher aus der LGBTQ-Szene stammen, kann man auch als Hommage an Armistead Maupins Pionierleistung sehen. Es ist wohl auch kein Zufall, dass die Serie im Pride-Monat startet.

Viel hat die Serie und auch die Buchreihe freilich auch der Nostalgie zu verdenken - denn das San Francisco von heute hat nur mehr wenig zu tun mit dem, das Maupin beschrieben hat. Die so heimelige Barbary Lane mit ihren unkonventionellen Treppenpartys und einem abgerockten Selbstverständnis, ist sie nicht absolut märchenhaft in einer Stadt der unbezahlbar gewordenen Mietpreise, wäre sie nicht erstes Opfer der Gentrifikation? Möglich. Umso schöner, dass man sich noch einmal hineinträumen kann in den Zauber, den diese Stadt trotz allem hat.