Peking. Eltern sehr junger Teenager können bisweilen ein interessantes Schauspiel erleben. Das Handy wird auf einen Kasten gestellt, während der Nachwuchs-Videostar davor Aufstellung nimmt. Dann wird (stumm) getanzt und gestikuliert, die Lippen werden wie beim Singen bewegt und Herzchen-Gesten in die Kamera gemacht. 15 Sekunden dauert der Clip, der dann mit Popmusik unterlegt und den üblichen Filtern (Pandas! Herzchen!) geschmückt wird. Und ab damit ins Netz. Schon gibt es ein weiteres Video auf TikTok, das von den mehr als 500 Millionen anderen Usern gelikt werden kann. Schon fliegen Herzchen hin und her - für viele ist das tägliche Video schon zur Pflichtveranstaltung geworden.

TikTok hat, was viele Apps gerne hätten: massenweise junge Kunden - mehr als 500 Millionen User. Auf mehr als 14 Prozent der chinesischen Smartphones ist die App installiert, zu Beginn des Vorjahres war sie die am meisten geladene iPhone-App. Zuvor war die App als Musically bekannt, die User nannten sich daher folgerichtig "Muser". Im August 2018 übernahm die chinesische Beijing Bytedance Technology den Laden, die mit einer Art Microblogging-Plattform ein Vermögen gemacht hatte. Sie fusionierte Musically mit TikTok - die User wurden übernommen, aber die Marke musste weichen. Doch das hat der Beliebtheit des Dienstes keinen Abbruch getan.

30 Millionen Follower

Ganz eigene "Stars" haben sich dabei herausgebildet. Am bekanntesten dabei waren die Zwillinge Lisa und Lena (16), die auf immerhin 30 Millionen Follower verweisen konnten - immerhin mehr als ein Drittel der Bevölkerung Deutschlands. Der Account der Mädels ist allerdings seit April gelöscht. Mit einem "Wir glauben, es ist Zeit, weiterzuziehen und neue Wege zu gehen. Wir werden erwachsen und unsere Interessen ändern sich", verabschiedeten sich die Star-Muser. Doch andere folgten ihnen bereitwillig nach. Und das, obwohl Jugendschützer alarmiert sind: Sexismus und Cyber-Mobbing steht in den Kommentaren oft an der Tagesordnung: Nicht leicht zu verkraften, wenn man 13 Jahre alt ist.

Der Reiz bei TikTok ist, wie so oft, die einfache Bedienbarkeit. Musik und Filter stehen bereit und mit ein bisschen Übung bekommt man die Gesten und Moves auch professionell hin. Das Resultat: Musikvideo-Star sein, cool aussehen und dafür Herzen von anderen Usern bekommen. Wer will das in dem Alter nicht? Kein Wunder, dass mittlerweile die Belegschaften ganzer Schulen auf TikTok vertreten sind, meist ohne dass Eltern oder Lehrkräfte überhaupt davon wissen. Zum Ansehen von Videos ist eine Anmeldung nicht erforderlich, zum Erstellen von Videoclips sowie zum Folgen und Interagieren ist diese jedoch nötig.

Wertvoller als Uber

Die TikTok-Musikliste enthält eine Auswahl an Audioclips. Insgesamt gibt es 19 Kategorien. Darüber hinaus gibt es unterschiedliche thematische Hashtags und Internetchallenges, unter denen Videos gesammelt werden. Die beliebtesten Videos in der jeweiligen Sprachregion und international werden auf der Hauptseite angezeigt.

Für den chinesische Technologiekonzern Bytedance hat sich die Sache allemal gelohnt: Er könnte Insidern zufolge bald den zweiten Platz der wertvollsten nicht börsennotierten Unternehmen hinter dem Fintech Ant Financial (immerhin etwa 50 Prozent größer als Goldman Sachs) ergattern. Bytedance verhandle gerade mit Investoren über eine Geldspritze von 2,6 Milliarden Euro. Steht die Finanzierung, wäre Bytedance 75 Milliarden Dollar wert und hätte damit den Mitfahrdienst Uber überholt. Ein Börsengang in Hongkong soll vor der Türe stehen. Zu den Investoren von Bytedance gehören Sequoia Capital, KKR und General Atlantic.

Aber wie verdient TikTok eigentlich Geld? Zunächst schaltet es Anzeigen im Video-Format. Es handelt sich dabei um 15-sekündige Musik-Clips, die sich kaum von einem User-Video unterscheiden. Zweitens kann man mit echtem Geld virtuelle Münzen kaufen. "TikToker" kaufen davon etwa spezielle Emojis, die sie zu Videos posten können. Der Laden läuft: Von wenigen Cent bis zu 60 Euro kostet diese virtuelle Ware. Wer das bezahlt, liegt auf der Hand: die Eltern. Das muss einem ein Glitzer-Emoji schon wert sein.